Pak Susila und sein Bali

Jökull

von Jökull

Story

Die Bekanntschaft mit Pak Susila haben wir der Notwendigkeit eines Touristenvisums zu verdanken. Beim Abholen der Pässe im indonesischen Konsulat werde ich vom Konsul ins Büro gebeten. Er hat erfahren, dass unser Reiseziel Bali ist. Er selbst kommt von dort und würde sich freuen, uns über das Visum hinaus behilflich zu sein. Ein Freund von ihm würde uns gern kennenlernen und die geheimen Ecken von Bali zeigen. Der Konsul gibt mir seinen Namen und die Handynummer. „Viele Grüße von mir, falls Sie ihm begegnen.“

Noch vor dem Frühstück am Tag nach der Ankunft rufe ich die Nummer an. Wann es uns passen würde? Nach dem Frühstück in einer Stunde jederzeit. Okay. Wir warten in den opulenten Sesseln des nach allen Seiten offenen Empfangspavillons. Kurz darauf kommt in der Nähe eine knatternde Vespa zum Stehen. Ein sportlich gekleideter Mann kommt auf uns zu. Er begrüßt uns auf Deutsch mit der hier üblichen Verbeugung. Dabei hält er seine Hände flach aneinandergelegt vor dem Kopf. Wir bemühen uns, den Gruß nach Landessitte zu erwidern.

Wir stellen uns einander vor und fragen, was es mit den guten Deutschkenntnissen auf sich hat. Pak Susila hat einige Jahre in Deutschland gelebt. Zufällig in unserer Stadt und zufällig nicht weit weg von uns hat er bei einem Hersteller für Drogerieartikel gearbeitet. Seine Tochter lebt mit ihrer Mutter immer noch dort. Die Beziehung ist auseinandergegangen, und er hat sich nach Bali zurückgezogen. Die Tochter vermisst er sehr. Wir richten die Grüße vom Konsul aus und fragen, woher sie sich kennen. „Wir kennen uns seit der Kindheit und sind im selben Dorf aufgewachsen.“ Die Welt ist klein.

Heute lebt Susila in der Inselhauptstadt Denpasar. Sooft es geht, kümmert er sich um die Eltern. Sie haben ihr Dorf niemals verlassen. Er arbeitet als Reiseführer, fährt ausländische Besucher im Minibus umher und zeigt ihnen seine Insel. Die Sprachkenntnisse sind sein Kapital. Daneben engagiert sich Susila in der Kommunalpolitik. Er ärgert sich über den Handel mit Trinkwasser und Unmengen an Plastikflaschen. Die gelangen ins Meer und werden an den Küsten Balis wieder angeschwemmt.

Bevor er uns verlässt, wollen wir die Bedeutung seines Namens erfahren. Üblich sind Wayan (der Älteste), Made (der Mittlere), Nyoman (der Jüngste), Ketut (der dem Jüngsten Nachfolgende). Sie stehen für die Reihenfolge der Geburt. Deshalb gibt es diese Vornamen überall auf der Insel. Warum er keinen Vornamen hat und ob er ein Einzelkind ist, wollen wir nicht hinterfragen. Schließlich können Eltern nicht wissen, ob noch Nachzügler kommen werden. Außerdem könnte das unhöflich wirken. Den Namen Susila gibt es leicht abgewandelt auch in anderen hinduistischen Ländern. Er bedeutet etwa soviel wie „Moral“ oder „von gutem Charakter“. Das klingt vertrauenerweckend und nach einer länger dauernden Freundschaft.

Susila muss ein wenig nachdenken und wird sich bald wieder melden. Er trinkt den Kopi Bali leer und knattert davon.

© Jökull 2021-02-16

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