Patiencen legen

loislane

von loislane

Story

Wenn meine GroĂźmutter väterlicherseits ihre Ruhe wollte, dann hat sie Patiencen gelegt. Sie hat sich dafĂĽr nicht zurĂĽckgezogen, sondern ist im Wohnzimmer gesessen und hat in aller Ruhe die Karten aus der Schachtel genommen und ab diesem Moment war sie wie unter einer Schutzschicht. Es wurde nie gesagt, dass man sie nicht ansprechen darf, im Notfall wäre sie das wohl gewesen, allein ihre Haltung hat ausgedrĂĽckt, dass sie das jetzt nicht möchte. Der letzte Faden ihrer Aufmerksamkeit zum AuĂźen war in die KĂĽche – ohne dass man wusste, wann ist sie aufgestanden, um den Schweinsbraten im Rohr umzudrehen oder die Erdäpfel vom Herd zu nehmen. KĂĽchenuhr hatte sie keine. Das was immer intuitiv.

Die Karten waren immer von Piatnik und sie hatte Kartensets in unterschiedlichen Größen. Das Reise-Set mit den kleinsten Karten habe ich geerbt. Ich spiele nicht damit aber ich freue mich immer über das schöne Revers, das es heute gar nicht mehr gibt. Das war ihr wichtig und auch, dass die Karten aus Papier waren. Die Plastikkarten waren viel zu rutschig für ein konzentriertes Spiel.

Gelegt wurde eine Harfe, oder mehrere und als Abschluss manchmal ein Kreuz. Beim Kreuz war sie dann schon wieder ansprechbar, weil es weniger Konzentration verlangte und so weiĂź ich nicht genau wie hier die Regeln sind. FĂĽr die Harfe schon – mit allen Denkschleifen die möglich sind. Es wurde mir nie erklärt. Ich habe nur jahrelang zugeschaut. Habe sie genau beobachtet und erfĂĽhlt wie es ihr geht, wenn sie verliert, wenn sie gewinnt, wie sie SpielzĂĽge im Geist durchgeht bevor sie ausgefĂĽhrt werden. Jede Mischung hat ein Eigenleben, gelegentlich läuft es einfach dahin und gerade wenn man denkt, dass die Partie langweilig, weil zu einfach ist, werden mit den dazugelegten neuen Karten HĂĽrden eingebaut die am Ende doch dazu fĂĽhren, dass es nicht aufgeht. Wenn mehrere Harfen hintereinander nicht gelingen, gibt’s einen prĂĽfenden Blick unter den Tisch oder ins Packerl, ob vielleicht eine Karte fehlt. Mit dem Zusammenschieben der fertigen Patience in einem immer gleichen Muster beginnt auch schon die Neue. Egal wann die gelegt wird. Es gibt Rhythmen und Gesetze die einzuhalten sind. Das System ist zwar immer gleich und doch ist jedes Spiel anders.

Wenn Besuch kommt, verräume ich meine Karten. Wie oft wurden sie von fremder Hand durchmischt und davon für lange Zeit in eine Unordnung gebracht, die ein Auflösen lange unmöglich macht. Aberglaube? Möglich …

Täglich eine Patience legen putzt die Hirnwindungen frei, bringt die Affen zum Schweigen und löst innere Verspannungen. Ich meditiere nicht, ich lege täglich eine Patience.

© loislane 2021-07-04

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