von Tristan Moeller
Mein Vater starb mit 75 Jahren. Wenn die Messe gelesen ist, seine direkten Nachfahren gestorben sind, wenn keine seiner Geschwister mehr lebt, wird sich niemand mehr an ihn erinnern. Einmal im Jahr und in unregelmäßigen Abständen im Lebensalltag denke ich an ihn, oder ab und an, wenn ich mit meinem Bruder über früher rede. Schreiben möchte aber ich nicht über die ersten 74 Jahre, schreiben möchte ich ausschließlich über das Letzte. In Ungarn gibt es ein Sprichwort, über Tote soll man nur gutes sagen oder schweigen.
Zum Zeitpunkt seines ersten Schlaganfalles lebte er alleine, merklich verlor er seine Sinne, einen nach dem anderen- bis schlussendlich seine Erinnerungen wichen. Ich denke das schmerzte ihn am meisten, er lebte gerne in der Vergangenheit. Seine Geschichte ist eine Geschichte voller Missverstaendnisse. So missverstanden wir uns Zeit seines Lebens. Er kämpfte sich zurück, schließlich war er in seiner Jugend Amateurboxer, einige echte und einige gefälschte Pokale dienten als Zeitzeugen. Dieser Kampf sollte über die volle Distanz gehen.
Monate später, waren die Bewegungen noch langsam und sie waren eingeschränkt, die Sprache wurde noch rudimentärer. Das war aber noch nie seine Stärke, als Weltkriegskind war er es gewohnt Taten sprechen zu lassen und nicht Worte. Der zweite Schlaganfall ereignete sich in der Nacht, er verbrachte sie alleine, Beckenknochenbruch. Ein Wort, das man ungern hört, wenn man über jemand alten redet. Ich weinte bitterlich, zum ersten Mal erschien mir alles zu viel, die Herausforderungen brachen über mich herein. Meine Arbeitskollegen spendeten mir Trost, obwohl sie nicht wussten warum. Ich ging für gewöhnlich nicht mit Problemen und schon gar nicht mit Emotionen hausieren, lag wohl an der Erziehung.
An einem Tag kam ich ins Krankenhaus und er war unter dem Beatmungsgerät. Als ich noch ein Kind war, schien er immer unzerstörbar. Unüberwindbar. Nun lag er hier, konnte nicht mehr selber atmen. Alles was ich ihm die letzten Jahre vorwarf. Sachen, die zwar wahr waren, aber für ihn verletzend schnürten mir die Kehle zu. Unsere gemeinsame Sprache war Wut. Jetzt empfand ich Wut, weil er womöglich geht. Ich rief Familienangehörige an, die sich schon lange von ihm gewandt hatten, hier war sie, die letzte Chance. Manche kamen, manche nicht. Ich werde es nie verstehen wie man jemand ohne Worte gehen lassen kann.
Sogar meine Mutter kam. Wieder weinte ich. Eines Tages kam er zurück, seine Stimme war verkümmert, brüchig und beinahe unverständlich. Er wollte mich der Schwester vorstellen, zeigte auf mich und sagte ihr, dass ich sein Sohn sei. Interessant. So sicher war er sich da nicht immer. Ich nahm seine Hand, sie war kalt und dünn, beinahe wie Pergament. Ich drückte sie fest genug, dass er wusste, dass ich da war, das werde ich immer sein, so wie er für meine Lebenszeit bei mir sein wird. An diesem Tag weinte ich nicht, an diesem Tag versuchte ich nur gutes oder gar nichts über meinen Vater zu erzählen.
© Tristan Moeller 2021-08-08