von Peter Schwanter
âIch gehe jetzt nachhauseâ, schmetterte ich in die KĂ€rntner AbenddĂ€mmerung hinein.
âDu bist zuhause â Peterâ, gab mir Paul zu verstehen, und sah mich besorgt an. Mein Blick war starr auf einen Ast des alten Nussbaumes gerichtet. âIch bin zuhauseâ, wiederholte ich murmelnd Pauls Worte. In der letzten Zeit passierte es mir des Ăfteren, dass ich beim Gedanken Spielen in eine Art Wachtraum verfiel und mich, von der Idee zur Ăberlegung hĂŒpfend, immer weiter von der RealitĂ€t entfernte. Wenn die Wirklichkeit aber beschloss, mich wieder einzuholen, mich gleichsam wiederbelebte, entfuhren mir SĂ€tze wie dieser. FĂŒr andere nicht nachvollziehbar, da meist aus dem Zusammenhang gerissen, knallte ich dann Wörter, oder Zitate auf den Tisch, die fĂŒr mich zum Zeitpunkt, an dem mich die Wirklichkeit in meiner Traumwelt wieder gefasst hatte, gerade relevant waren. Paul mein âAlter Egoâ, der strukturierte, geordnet denkende Teil von mir, kannte diese Momente und tolerierte sie mit gönnerhaften Nachsicht. Ich bin mir bis heute nicht sicher, wie oft dieses Abschweifen in nicht klar definierte RĂ€ume, fĂŒr ihn schon zum Gaudium wurde.
Peter – mein anderer Teil â war in seinem Denken und FĂŒhlen eher undiszipliniert. In seiner Welt durfte, ja sollte es sogar das Unmögliche, das nicht Rationale geben. Er gönnte sich die Freiheit, gedanklich alles ins Auge zu fassen. Aus den unverschĂ€mt wĂŒsten und abstrusen GedankengĂ€ngen, blinzelten oft, auch zu seiner Ăberraschung, die augenscheinlichsten Lösungen hervor. Sichtweisen, die im rationalen Bereich keinerlei Daseinsberechtigung hatten, wurden in der tabufreien Zone jene Aufmerksamkeit zu Teil, die ihnen nach Peters Ansicht gebĂŒhrte. Ăber die Jahre hinweg hatten Peter und Paul sich aneinander gewöhnt, konnten akzeptieren, dass sie kontrĂ€re Herangehensweisen an Dinge hatten und waren mittlerweile auch zu der Ăberzeugung gelangt, dass sie beide nicht unerheblich von einander profitierten. In ihrer Anfangszeit waren es erbitterte KĂ€mpfe gewesen, in denen jeder den anderen ĂŒbervorteilen wollte. Je nach Verfassung behielt einmal Paul dann wieder Peter die Oberhand. Aber auch der noch so ĂŒberragende Triumph war ein Pyrrhussieg, da im SiegesgefĂŒhl schon der Same fĂŒr die baldige Niederlage verpackt war. Irgendwann waren sie ĂŒbereingekommen, das Areal des anderen zu respektieren. Mit diesem Entschluss begann auch die Zeit der fruchtbaren Auseinandersetzungen. Ihre Dispute legten an Niveau zu und hatten nicht mehr das Widerlegen zum Ziel sondern das Erkennen von Möglichkeiten und Erörtern von Sichtweisen. Sie entwickelten eine gewisse Neugier an der Welt ihres GegenĂŒbers und lieĂen dessen Thesen auch dann gelten, wenn diese nicht unmittelbar mit ihren eigenen in Einklang zu bringen waren.
âWieder einmal abgeglitten?â
âJa, aber frag mich bitte nicht wohin. Was habe ich zum Besten gegeben?“
âEtwas BodenstĂ€ndiges. â Ich gehe jetzt nachhause!â
âWohin wollte ich gehen?â – Nachhause?
© Peter Schwanter 2020-02-04