Poesiealben und Albernes

Giggu

von Giggu

Story

Draußen war es herbstlich, regnerisch. Zeit fĂŒr eine Durchsicht verschiedener Laden und Regale, ich trennte “Spreu” vom “Weizen”. Man könnte auch entsorgen sagen. Da fielen mir meine alten Poesiealben in die HĂ€nde. Bitte, so etwas kennt heute fast niemand mehr. (Notiz an mich: Enkelkindern zeigen!) Ein Poesiealbum war so etwas Ähnliches wie ein “Freundschaftsbuch”, das man an die Klassenkameradinnen und Kameraden mit der Bitte um eine Eintragung weitergab. Man erfuhr zwar nicht LieblingssĂ€nger, Geschwister, Hobbys und Lieblingsessen, ins Poesiealbum trug man mehr oder weniger poetische, sinnvolle Gedichte ein.

Zwei unterschiedliche Beispiele: “Ob Norden, SĂŒden, Osten, Westen/Zuhause ist es doch am besten!” oder “Richte nie den Wert des Menschen schnell nach einer kurzen Stunde/oben sind bewegte Wellen, doch die Perle ruht am Grunde!”

Sobald man ein Poesiealbum in die Hand gedrĂŒckt bekam, versuchte man ein Gedicht, das noch nicht im Album verewigt war, zu finden. Google war noch nicht erschaffen, daher begann die Suche in diversen “klugen” BĂŒchern. Am besten, man wĂ€hlte Poesie aus, die man als Volksschulkind gar nicht verstand, weil – so dachte ich damals – das musste folglich etwas Besonderes sein. Also: “Gib Sonne den Menschen, die um dich sind/allen MĂŒden, Großen und Kleinen/schweres Dunkles lastet auf ihnen/da sollst du mit viel Licht und Liebe dienen!” 
 Nicht schlecht, oder?

Sobald man ein Gedicht ausgewĂ€hlt hatte, nahm man FĂŒllfeder und Löschblatt zur Hand (Zeilen vorlinieren war verpönt!) und versuchte mit der schönsten Schrift, fehlerlose Zeilen hinzukriegen. Das war nicht immer von Erfolg gekrönt. Leider. GewĂŒnscht und sehr wichtig war auch, mit einer Zeichnung die Poesie zu verzieren. Ein entsprechendes Sujet zu wĂ€hlen, war bei: “Rosen, Tulpen, Nelken/alle drei verwelken/nur das eine nicht/und das heißt Vergissmeinnicht!” natĂŒrlich leicht. Goethe machte es einem da schon schwerer mit: “Des Lebens MĂŒhe lernt uns allein/des Lebens GĂŒter zu schĂ€tzen!”

Eselsohren. Durch Eselsohren BĂŒcher zu beschĂ€digen, war verboten! Nicht so im Poesiealbum. Hier knickte man oft die rechte obere Ecke um, zeichnete ein kleines Kuvert darauf und versteckte darunter das Datum. Die Gedichte, die ich in meinen Poesiealben vorfand, kann man in mehrere Kategorien unterteilen. Da gibt es witzige Zeilen: “Sei brav wie ein Engel/dann habÂŽ ich dich lieb/denk oft an den Bengel/der dieses dir schrieb!” oder aber: “Wenn in trauten Abendstunden/deiner Augen sanfter Blick/einmal dieses Blatt gefunden/denk an mich zurĂŒck!” und nicht sehr euphorisch: “Das Leben ist begrenzt, aber das, was wir zu erkennen haben, ist unbegrenzt!”

Den Vogel schoss – finde ich – mein Gatte, als VolksschĂŒler, ab. Er wollte sich gerne in Mutters altes, Stammbuch eintragen, was er auch durfte. Hansi machte sich die MĂŒhe, etwas Nettes zu finden. Die Lacher verstand er nicht. Er schrieb fĂŒr seine Mutter: “Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!”

© Giggu 2022-09-27

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