In Wien ist das eine Einrichtung für die temporäre Anhaltung von Personen. Früher machte man dort aber auch Bekanntschaft mit Kapitalverbrechern, die nach Verbüßen ihrer oft langjährigen Haftstrafen in den bekannten Strafanstalten, wie z.B. Stein an der Donau, noch ihre wochen- oder monatelange ,,Polizeistrafe“ abzusitzen hatten. Nicht mehr Mörder, Vergewaltiger, Räuber oder Totschläger – sie hatten ja ihre Strafen verbüßt – konnten sie das Polizeigefangenenhaus danach als freie Bürger verlassen. Im Jargon der Unterwelt nannte man das Gebäude, an der Adresse Rossauer-Lände, fast liebevoll ,,die Liesl“. Verständliche Gefühle, mündete doch auch ein Lebenslänglich, bei guter Führung nach 15 Jahren, in die letzten Tage und Wochen der Haft in der Liesl. Vielleicht mit einem Landeanflug vergleichbar, nur mehr aufsetzen, ausrollen, ankommen!
Der Leser hegt Verdacht – erzählt hier ein Insider, geläutert nach langer Haft für ein kapitales Verbrechen? Und wenn es so wäre? Spricht da Einer, bei dem die Resozialisierung gelang? Also woher die Detail-Kenntnis?
Kleine Ursachen, große Wirkung. Ich war noch keine 17 als mich das Auge des Gesetzes bei einer Verfehlung zu erwischen hoffte. Diesmal war fast alles legal, das Moped nicht gestohlen, ich alt genug es zu lenken. Aber: Der Lärmpegel! Das geschulte Auge entdeckte den unlauteren Eingriff am Vergaser zur Verbesserung der Leistung. Ein Organ-Mandat war mir sicher! Dreißig Schilling oder teure Anzeige. Woher dreißig Silberlinge nehmen und nicht stehlen? Monate später kam die Verwaltungsstrafe, jetzt Hundert Schilling. Noch uneinbringlicher, ich stand kurz vor dem Einrücken zum Bundesheer (Bundeswehr), arm wie eine Kirchenmaus. Da las ich ,,…die Ersatz-Arreststrafe ist mit 60 Stunden festgesetzt“.
Natürlich wollten mir die väterlichen Beamten am Revierposten das ausreden. Nein, Schulden machen kommt nicht infrage! Also – Kragenknopf abgeschnitten, Hosengürtel und Schuhbänder abgegeben und die erste Nacht im Kotter am Posten. Morgens die Überstellung mit dem ,,Grünen Heinrich“ zur Liesl. Gemeinsam mit dem übrigen Gesocks, das man während der Nacht aufgelesen hatte. Spätestens beim ersten Eintritt in eine große Gemeinschafts-Tageszelle, bereute ich mein Vorhaben, bekundete Zahlungswillen. Aber der Strafvollzug hatte mich in seinen Fängen!
Wegen meiner Jugend durfte ich nachts in einer Einzelzelle ruhen. Tagsüber verhielt ich mich so unauffällig wie nur möglich, reihte mich in eine der Vierer-Gruppen, die sich alle 15 Minuten abwechselten, von Wand zu Wand der Zelle zu gehen. Acht Schritte hin, acht zurück. Und lauschte den Gesprächen, hörte angespannt zu, wenn die Freude auf die bevorstehende Entlassung nach den vielen Jahren in Haft nicht zu überhören war.
60 Stunden Freiheitsentzug. Eine schreckliche Erfahrung. Ich bin jedenfalls noch immer fast unbescholten!😉
Foto: Pawel Czerwinski. Unsplash
© Gerhard@Goesebrecht 2022-01-31