Mit der Fähre überquerten wir bequem den Golf von Neapel, um die Phlegräischen Felder zu besichtigen. Schon das Einlaufen im Hafen von Pozzuoli war ein Erlebnis. Puteoli (Kleiner Brunnen) war in republikanischer Zeit der wichtigste Hafen Roms. Überrascht standen wir nur wenig landeinwärts in der Stadtmitte vor den Ruinen des Macellum, eines Marktes im Bereich des antiken Hafens: etwa 4 m unterhalb des heutigen Straßenniveaus und 2 m unterhalb des heutigen Meeresniveaus stehen einige Säulenreste, die Löcher mariner Bohrmuscheln aufweisen. Diese sind ein Beleg dafür, dass sich die Erdkruste aufgrund der vulkanischen Tätigkeit seit Errichtung der Bauten hier mehrfach gesenkt und gehoben hat, sodass die Säulen zeitweise in Schlick und Wasser versunken waren.
Zu lange dauerte unser abenteuerlicher Rundgang durch die Solfatara, sodass kein Schiff mehr zurück nach Sorrent fuhr. Ein neues Abenteuer begann. Wir suchten einen Bus nach Neapel, denn von dort gab es später noch eine Fähre. Glücklich fanden wir eine Haltestelle und ja – der Bus fährt nach Neapel in 15 Minuten. Einige Leute saßen bereits drinnen, so bezahlten wir und setzten uns – es war heiß. Der Busfahrer stieg aus und verschwand. Langsam verließen auch die anderen Gäste den Bus und verschwanden. Irgendwann stiegen auch wir aus und entdeckten ein kleines Cafe in dem der Busfahrer saß und es sich gut gehen ließ. Wir erfuhren über eine mühsame Konversation mit Händen und Füßen (der neapolitanische Dialekt ist mit wenig Italienisch-Kenntnissen völlig unverständlich), dass der Bus zur fahrplanmäßigen Zeit ausgefallen sei und erst zum nächsten Termin abfahre. Es waren wohl zu wenig Leute gekommen. Wir fügten uns unserem Schicksal und warteten auch im Cafe. Als wir mit dem Chauffeur wieder zum Bus gingen, war dieser voll. Die afrikanischen Strandverkäufer mit ihren tragbaren Gestellen hatten ihn voll in Beschlag genommen. Einige Einheimischen fanden dazwischen Platz und so quetschten wir uns auch hinein. Der Bus fuhr los. Plötzlich begann ein lautes Gezeter – der Bus blieb stehen – einige Leute gingen außen herum zum Buslenker und redeten aufgeregt und bedrohlich auf ihn ein. Alle schauten zu uns her. Widerwillig standen zwei schwarze Verkäufer auf und machten uns Platz. Es war mir peinlich, weil die Männer einen sehr müden Eindruck machten. Radebrecherisch wurde uns verdeutlicht, dass sich die Einheimischen schämten, Gäste wie uns stehenzulassen. Auf dieser kurvigen Bergstraße war es sehr mühsam sich festzuhalten, umso mehr als wir Jakob auch stützen mussten. Es kehrte wieder Ruhe ein. Die Italiener waren zufrieden und beobachteten uns. Je näher wir Neapel kamen, umso interessanter wurde es. Auf einer breiten Säule entdeckten wir einen Mann – nackt mit einem offenen Pelzmantel. Breit wie ein Buddha saß er da im Dreck und hunderte Ratten krabbelten auf ihm herum. Mit dem Mund fütterte er ihnen Brotstückchen. Wiederum war es den Neapolitaner peinlich, uns ein so unwürdiges Schauspiel zu bieten. Sie versuchten uns abzulenken und verdeutlichten, dass dieser Rattenkönig nicht typisch für Neapel sei.
In letzter Minute erreichten wir die Fähre zurück zu unserem Hotel. Es war ein abenteuerlicher, aber auch ganz besonderer Tag in Kampanien, den wir nie vergessen werden.
© Christine Sollerer-Schnaiter 2024-06-23