von Donisha Poke
Präger.
So nennt sich unsere Spezies und das ist, was ich bin. Die meisten von uns würden sich als Helden bezeichnen, andere sich als Monster, aber jeder sich als einen Krieger. Schließlich sind wir das auch. Dieses Leben, das ich nun führe, war nie gewollt: von Baum zu Baum zu springen, Gedanken zu lesen, mich an jeden beliebigen Ort der Welt zu teleportieren, eine unvorstellbare Schnelligkeit zu haben und schärfere Sinne zu besitzen als ein einfacher Mensch. Hört sich zwar toll an, kann aber auch etwas Negatives an sich haben. Vor zwei Monaten, am 15. August, wurde ich mal wieder ein Jahr älter. Ein Geburtstag ist für einen Präger nichts, was er sich in seinem Kalender einträgt und mit strahlenden Augen darauf wartet. Doch für mich ist er wichtig. Nur so gelingt es mir, das Zeitgefühl nicht zu verlieren.
Ich verbringe meine Zeit gerade damit, auf einem hohen Ast zu stehen und das Schloss meiner Feinde, das der Pentagramme, zu beobachten. Es ist schön gebaut, so wie jedes Schloss in Prägazu. Jedoch gibt es kaum Fenster und auf dem großen Hof sehe ich gerade, wie sie ihrer Trainingszeit nachgehen. Noch immer hat kein Pentagramm auch nur das Schutzschild übertreten, was mich stutzig macht. Für gewöhnlich schicken Luke und James stündlich ihre Krieger über die Barriere. Bei dem Gedanken an die beiden verspanne ich mich instinktiv.
In wenigen Minuten werden die letzten Sonnenstrahlen untergehen. Ich wäre bereit für einen Schichtwechsel, denn immerhin stehe ich nun seit sage und schreibe elf Stunden auf diesem Ast. Natürlich wird es uns antrainiert so lange durchzuhalten, allerdings habe ich Tage zuvor nicht mehr richtig geschlafen. Das ist nichts Besonderes mehr. Ich schlafe seit Jahren nur noch mit Hilfe von Schlaftabletten ein, die Felix mir zubereitet hat. Wenn ich sie nicht nehme, besuchen mich die Albträume. Das Schutzschild der Pentagramme führt um ihre gesamte Insel Petrava herum und endet wenige Meter vor dem Abgrund der Schlucht. Sie haben den südlichen Teil des Ozeans unter ihrer Kontrolle, somit also auch die Wasserungeheuer.
>>Hayley<<, ruft eine bekannte Stimme meinen Namen. Es ist Hayden – mein Schützling, wenn man das so sagen kann, auch wenn ich sie eher als eine Art Schwester betrachte. Wie sagt man in solch einem Fall: Schwester von einer anderen Mutter oder irgendwie so in der Art. Ich bin nicht wirklich gut, was Sprichwörter angeht. Sie steht unten und schaut zu mir hinauf. >>Schichtwechsel<<, gibt sie Bescheid und sofort springe ich zu ihr runter. Das muss sie mir nicht zweimal sagen.
>>Kevin und Felix wollen dich in der Bibliothek sprechen.<< Ich nicke stumm, schaue Hayden dabei zu, wie sie auf einem hohen Ast über mir aufkommt und streiche dann über meinen Rubin am rechten Ringfinger.
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© Donisha Poke 2023-06-09