von Yasmin Jöhl
Mein Name ist Sucht. Magersucht. Ich bin Tyrann und Oberbefehlshaber. Herrscher über Yasmin. Der Herrscher. Ihr Herrscher. Ich bin stark. Erhaben. Übermächtig. Dominant. Unersättlich. Und es fühlt sich verdammt geil an, das alles zu sagen. Und ich werde einen Teufel tun, mich zu entschuldigen.
Wer mich nicht kennt, dem entgeht etwas. Mich muss man kennen. Obwohl, eigentlich ist es schier unmöglich, mich nicht zu kennen. Ich bin kein reales Wesen. Im Grunde genommen existiere ich nur im Kopf von Yasmin. Doch das kann meiner Autorität nichts anhaben. Im Gegenteil: Gerade weil es nur Yasmin ist, die mich «sieht», verleihe ich meiner Macht noch mehr Ausdruck, schliesslich sollen alle mitbekommen, wie mächtig ich bin. Obwohl ich ein Teil von Yasmin bin, möchte ich nicht, dass man mich auf gleicher Höhe mit ihr platziert, geschweige denn, dass man mich ihr unterordnet. Wenn ich die Zügel in die Hand nehme, dann ist Yasmin so klein wie eine Kirchenmaus. Sie späht in ihrem Löchlein hervor und getraut sich nicht, einen Schritt nach draussen zu gehen, weil sie genau weiss, dass ich eine Ecke weiter nur darauf lauere, sie zu packen. Und genau deshalb erfüllt das Stückchen Käse, mit dem ich Yasmin aus ihrem Versteck hervorzulocken versuche, seinen Zweck hervorragend. Yasmin kann gar nicht anders, als das Stückchen Käse zu ergreifen. Brave Yasmin.
Oft frage ich mich, was wohl die Leute denken, wenn sie Yasmin zum ersten Mal sehen. Wie sieht die denn aus? Ein Knochengerüst auf zwei Beinen. Aber diese Dinge aussprechen? Nein, das tut niemand. Und deshalb steigt meine Wut ins Unermessliche. Am liebsten würde ich es allen Leuten knallhart direkt ins Gesicht schreien. «Hallo, freut mich, ich bin Magersucht – Machthaber und Herrscher über Yasmin.» Aber Yasmin wurde einfach zu gut erzogen. Nie würde sie jemanden so vor den Kopf stossen. Nie würde sie ihr Gegenüber so unvorbereitet mit diesen Worten konfrontieren. Das macht man doch nicht. Also macht sie es auch nicht. Dass ich mich in ihrem Inneren breitgemacht habe und ihre Gedanken beherrsche, davon spricht sie nicht. Lieber lässt sie andere im Glauben, bei ihr sei alles in bester Ordnung. Während sie diese Fassade äusserlich aufrechterhält, schlagen in ihrem Inneren alle Glocken Alarm. Anstatt die Wahrheit auszusprechen, rebelliert sie im Verborgenen. Ja, es stimmt, Yasmin wurde gut erzogen. Aber nun ist es an mir, die Erziehung zu übernehmen. Meine Befehle werden ihr fortan die Richtung weisen.
Ohne grosses Brimborium jemanden als seinen Leibeigenen bezeichnen zu können – klingt das nicht verlockend und geil? Genial geil? Zu geil, als dass ich diese Chance ungenutzt vorüberziehen lassen könnte. Und genau deshalb, weil es eben nicht nur geil klingt, sondern auch perfekt in meinen Plan passt, sitze ich im Körbchen, welches vorne an Yasmins Fahrrad angebracht ist. Mit diesem Fahrrad chauffiert mich Yasmin durch die Welt. Durch das Leben. Durch ihr Leben. Unser Leben. Aber ich bin es, die die Richtung angibt. Ob links oder rechts, das sage ich. Es ist Zeit, dass ich das Lenkrad übernehme und Yasmin in die Pedalen treten lasse. Magersucht voraus. Ich bestimme. Yasmin führt aus.
© Yasmin Jöhl 2024-08-29