von Jamal Tuschick
In den letzten Monaten vor der Scheidung verbesserte sich mein Verhältnis zu Marion. Einmal kam sie, schön wie Rosenrot, in unserer vormals gemeinsamen Wohnung. Jahre zuvor hatte ich sie dahin verschleppt und keinen ihrer prophetischen Einwände gelten lassen. Marion brachte mir eine CD zurück, die ich nicht vermisst hatte. „Blue Sugar“ von Zucchero. Es gibt Situationen für Schmalzblues, von denen ich jetzt nicht anfangen will.
Nach einer Bob-Phase trug Marion das Haar wieder lang. Sie hatte sich so zurechtgemacht, dass an ihren Absichten kein Zweifel bestehen konnte. An jedem anderen Nachmittag wäre ich mit Marion in unserem alten Ehebett gelandet, um im Sumpf der Gewohnheiten feierlich zu versinken. Mich erwartete aber eine Neue. Daniela war kompliziert, ich hielt sie deshalb für besonders intelligent. Ich redete mir ein, an ihr wachsen zu können. Ich zog eine zu Depressionen neigende und zum Leben eher Unbegabte der körperlich und seelisch aus dem Vollen schöpfenden Mutter meiner Kinder vor, weil Marion mich sexuell langweilte und mir die Hemmungslosigkeit einer Verrückten gerade zur Verfügung stand.
Marion wusste, dass sie keine ersetzen konnte. Ich hatte von ihr etwas bekommen, dass sie einem anderen nicht mehr geben konnte. Ich war ihr Prinz gewesen und sie meine Prinzessin. Diesen Schatz sahen wir beide nicht immer. Stress brachte Streit. Marion zog mit den Kindern nach Schlitz, das Fahrpensum nahm zu, die Entfremdung wuchs mit der Entfernung. Marion blieb mir gegenüber aufgeschlossen. Manchmal zeigte sie sich einladend an der Haustür, wenn ich die Kinder zurückbrachte.
Dieser Zustand in der Schwebe bot mir den größten Spielraum. Er machte mich zum Zocker. Ich überreizte mein Blatt. Gelähmt wie im Traum sah ich den Monstertruck des Desasters auf mich zurollen. Aus Zuneigung wurde Abneigung. Vertrautheit schlug in Verachtung um. Die Verachtung sprach sich in den Kindern heftiger aus als in Marion, die dann auch jemanden fand, der sie richtig zu schätzen wusste. Bald wird sie mit ihm länger zusammen sein als sie es mit mir war. Das schwächt die Fama einer schicksalhaften Verbindung zwischen uns. Ich halte mich trotzdem für den wichtigsten Mann in Marions Leben.
Auch das ist wahr. Meine Kinder haben mich öfter zum Weinen gebracht als meine Frauen. Ich verglich sie in allen Entwicklungsstadien mit mir, so wie ich mir in Erinnerung geblieben bin. Ihre Entwicklungen helfen mir, mich zu verstehen.
© Jamal Tuschick 2024-04-07