von MA_Leigh
Ehrfürchtig legte Asa seine Hand auf den kalten Stein. Das Gebäude hatte eine Aura, die er kaum zu fassen vermochte. Vielleicht lag es daran, dass sie alle in ihrem Leben noch nie ein Bauwerk wie dieses gesehen hatten.
„Wie ein Schloss“, murmelte er. Selbst im Verfall sahen die Mauern, der große Torbogen und die Glaskuppel auf dem Dach noch aus wie ein Palast. Asa wollte einfach daran glauben, hier zu finden, was sie suchten.
Sie waren nicht lange unterwegs gewesen, weil Rose sie zielsicher in diesen kleinen Talkessel gelotst hatte. Es war ein weites Gelände, umrahmt von einem hohen Eisenzaun, und von dem Garten war bis auf ein paar tote Bäume nichts mehr übrig. Aber das Herzstück war noch da.
Rin kam nur zögerlich hinter dem Steuerrad hervor. Auf dem Fahrersitz schien er sich wohlzufühlen, jedenfalls hatte er diese Maschine über die holprigen Straßen gelenkt, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Seine Scheu war wohl unbegründet, denn es gab hier keine Spuren von Menschen, bis auf einige ausgetrocknete Reifenabdrücke, in denen nur bräunliches Unkraut wuchs.
„Du musst nicht mitkommen, wenn du nicht möchtest“, versicherte ihm Rose. Rin nickte nur, machte aber keine Anstalten, zurück ins Auto steigen zu wollen. Fasziniert betrachtete er diesen seltsamen Ort.
Keiner von ihnen hatte jemals die Knochenstadt verlassen. Auf der Fahrt waren graue Gebäude einer grauen Landschaft gewichen, dennoch hatten Siri und Asa nicht wegsehen können. Da war sie, die riesige Welt, von der sie bisher nur gehört hatten.
Rose trat als Erste durch das Tor in den Palast ein, ihre Schritte ein Echo in dem langen Gang. Tageslicht fiel durch die breiten Dachfenster und sie realisierten rasch, dass es sich bei diesem Ort wirklich um ein riesiges Gewächshaus handeln musste. Schon bald wurden die steinernen Wände zu Glas, verzweigten sich in verschiedene Richtungen.
„Schaut mal.“ Siri war hinter ihnen zurückgeblieben und hielt etwas in der Hand. Es leuchtete in einem satten Rot, wie Asa es nur von Bildern kannte. Siri lachte vergnügt, während den anderen die Luft wegblieb.
Asa spürte es wieder, dieses Herzklopfen. Siri hatte eine Blume gefunden.
„Hast du sie etwa ausgerissen?“, fragte Rin entsetzt, doch Siri winkte ab.
„Da hat es noch mehr.“ Sie zeigte auf einen Haufen Bauschutt, hinter dem noch mindestens ein Dutzend weitere Blumen sprossen.
Getrieben von aufkeimender Hoffnung gingen sie voran. Irgendwann tauchten Ranken auf, die sich dem Boden und der Wand entlangschlängelten und immer dicker wurden, je weiter die vier Suchenden kamen. Die Ranken waren nicht vertrocknet, sondern leuchteten in einem fruchtbaren Grünton. Asa hörte vor Aufregung das Blut in seinen Ohren rauschen. Konnte es tatsächlich sein?
Vor ihnen eröffnete sich das Hauptgebäude mit der Glaskuppel. Was sie sahen, verschlug ihnen die Sprache.
© MA_Leigh 2023-08-27