von Luna Winkler
Öhm…okay? Jetzt bin ich neugierig. Die Frage nach dem “Warum?” lässt nicht lange auf sich warten.
Naja, duu…bist hald n‘ Mädel. Ich lege den Kopf schief. Irgendwie weiß ich nicht, was ich von dieser Antwort halten soll. Heißt das, weil ich ein MÄDCHEN bin, dass das mit dem Rapding nichts für mich ist? Ich, als blonde Barbie, mit einer unglaublichen Naivität gesegnet und viel zu fromm für die grausame Welt da draußen, schlichtweg nicht in dieses Raster passe und das nur weil – um das nochmal klarzustellen – in meiner Geburtsurkunde ein WEIBLICH vermerkt ist?
Genauso ist es. Ich schüttle ungläubig den Kopf, den ich zuvor noch zur Seite gelegt, als mir bewusst wurde, dass das sein voller Ernst ist. So ein …
Achso? Fluchen darf ich auch nicht? Ach, das wird ja immer schöner. Nur zur leisen Erinnerung: Frauen fluchen zehnmal so viel wie Männer. Warum? Geh und schau mal in den Spiegel.
Da wirft er mir vor, ich würde ausfallend werden. Sorry, aber ich hab immer noch daran zu beißen, was mir eben vorgesetzt wurde. Da kann ein Knochen schon mal runterfallen.
Dezent perplex stehe ich vor ihm und stemme die Hände in die Hüfte. Frage ihn, wie er darauf nur kommt. Wer ihm das in seinen von Vorurteilen geschwängerten Kopf infiltriert hat. Und warum er den ganzen Schwachsinn auch noch glaubt.
Die anderen. Klar, sind es die anderen. Woher die das Ganze haben, will er mir natürlich nicht sagen. Dass seine Freunde das genauso sehen würden. Dass er nicht der einzige ist, der das so sieht. Dass ich mich nicht so haben soll. Dass das ganze doch halb so wild ist. Dass ich mich beruhigen sollte. Ob ich meine Tage hätte, fragt er, weil ich gar so rummucke. Und da würde ich ihn am liebsten ins Gesicht schlagen.
Warum schaust du so verbissen? Weil ich dich beißen möchte…
Wie er sich die perfekte Frau vorstellte, frage ich ihn. Dass die ersten beiden körperlichen Vorzüge wie aus der Pistole geschossen kommen, ignoriere ich. Die Tatsache, dass ein “hübschesGesicht” an dritter und der eigenständige Verstand an gar keiner Stelle vorkommt, war zu erwarten.
Enge Sachen. Was er nun wieder damit meinte – mein Blick spricht wahrlich Bände.
Eine interessante Variante von “weniger ist mehr” bekomme ich zu hören. Umso weniger, umso mehr ist zu sehen. Sinnig. Nachvollziehbar. Und ziemlich notgeil.
Was er gegen weite Kleidung und Hip-Hop aus den Kopfhörern hat? Ganz klar, voll abturnend. Und … wo bleibt da die Weiblichkeit? Ich liebe ihn für seine unverhohlene Ehrlichkeit.
Ich setzte meine Kopfhörer auf. Lasse ihn auf dem Gehsteig stehen, umringt von nicht solchen wie mir, mit einem Aussschnitt bis zum Bauchnabel und knappen Shorts. Sehe seine Freunde um die Ecke biegen. Dem Idealismus, ihm gehen die Augen über. Kamerad Perfektion findet zwar etwas zu bemängeln, aber das ist seine Aufgabe bei seinen femininen Kunden. Und er steht da. Sieht mir nach.
Lieber Gesellschaftsdruck, danke dir für deine Aufklärung. Sie geht mir da vorbei, wo du nichts siehst – unter weiten Baggyjeans versteckt.
© Luna Winkler 2022-01-29