von Jenny Richter
Doch wenn ich in unserer RealitĂ€t allein bin, muss ich selbst mit meinen Gedanken und GefĂŒhlen sein, mit ihnen klarkommen, sie aushalten, sie durchleben. Ich kann sie dir nicht mitteilen, ĂŒberstĂŒlpen, hinwerfen, aufzwingen.
All meine Ăngste muss ich dann selbst anschauen, bewĂ€ltigen, auflösen, hinterfragen, loslassen. Ich muss mich selbst trösten. Ich kann mich nicht als kleine Jenny vor dich setzen, dir all mein Leid und meinen Schmerz klagen und hoffen, dass du es mir nehmen wirst.
Gleichwohl will ich das auch gar nicht, weil ich weiĂ, es ist nicht deine Aufgabe, weil ich weiĂ, es tut uns nicht gut. Denn auch du hast dein inneres Kind, das getröstet werden möchte und wenn sich unsere beiden inneren Kinder begegnen und jeder nur nach Trost sucht, keiner mehr handlungsfĂ€hig ist und keiner mehr weiĂ, was richtig und falsch, wichtig und nichtig ist, dann passiert genau das, was mir den Boden unter den FĂŒĂen wegzieht …
Das Leben wird mir zu viel, zu laut, zu groĂ, zu schlecht, und weder ich noch du, keiner von uns ist in der Lage, zurĂŒckzufinden. ZurĂŒckzufinden in unser erwachsenes Dasein, in unsere FĂ€higkeiten, unser Leben, unsere Liebe. Da sitzen wir und schauen uns an. Erwartungsvoll. Deprimiert. Resigniert. Traurig. Verzweifelt.
Dann werde ich sauer. Sauer auf dich, weil du mich nicht tröstest, mich nicht herausholst aus diesem Schlamassel. Weil du mir zuhörst, ohne mich zu verstehen. Weil du mich ansiehst, ohne mich zu sehen. Gefangen in deinen eigenen Tiefen, Ăngsten und Verletzungen. Ich rede und rede. Alles, was ich will und weiĂ, sage ich dir. Alles, was ich fĂŒhle, sehe und fĂŒr möglich halte, nenne ich dir. Doch dein Blick ist leer. Nichts kommt bei dir an. Ich gebe auf. Ich gehe weg. Weg von dir. Weinend, verzweifelt, sauer.
Sauer auf MICH! Weil ich WIEDER einen Monolog hielt, den ich mir selbst nicht glaube. Weil ich WIEDER nur redete und redete, aber nichts davon lebe. Weil ich selbst nur da saĂ, dich anschaute und dich doch nicht sah. Weil viel gesagt wurde und doch das Wesentliche unausgesprochen bleibt.
Ich will weg. Weg von dir. Weg von mir. Weg von allem. Ich will ans Meer!
Wenn ich allein bin …, spĂŒre ich den Drang, all das trotzdem mitzuteilen. IRGENDWEM. Ich will, dass es mir jemand nimmt, abnimmt, es wegmacht. Doch es geht nicht weg, solange ich es festhalte. Also gehe ich in mich, fĂŒhle hin, weine, schreie vielleicht, weine noch mehr und dann nehme ich es an: Ich habe Angst. Immer wieder. Und das hat nichts mit dir zu tun. Denn wenn ich dir alles aufbĂŒrde, meine Ăngste ungefiltert und haltlos auf dich projiziere, dann bist du am Ende nur noch diese traurige Reflektion. Und das möchte ich nicht!
Und bevor ich dir nun das nĂ€chste Mal begegne, richte ich mich aus, verbinde mich mit mir, mit dir, mit der Liebe. Der Liebe, die ich bin. Der Liebe, die du bist. Und der Liebe, die uns vereint. Und dann werde ich achtsam, aufmerksam, demĂŒtig und kann mich selbst bĂ€ndigen. Mich selbst halten. Mich selbst lieben.
Ich atme, ich fĂŒhle, ich liebe. Dich. Mich.
Und ich bleibe.
© Jenny Richter 2024-07-05