Ruhig bleiben, atmen.

von kindofkarin

Ich atme tief in meinen Bauch, meine Stirn gegen die grüne Matte gepresst. Etwas kümmerlich liege ich bauchwärts gekrümmt in der „Kindshaltung“ und versuche, meinen viel zu verspannten Rücken zu dehnen.

Viel zu schnell verlasse ich die angenehme Position und wechsle in den „Hund“. Easy cheesy. Arsch in die Höhe, Beine gestreckt, die Fersen Richtung Matte gedrückt, der Kopf baumelt zwischen meinen Armen. Das wirkt beruhigend, hebt die Stimmung und bringt Energie. Doch mir kommt es vor, als würden alle Emotionen und meine angestaute Wut in meinen Kopf fließen und mein Gehirn von innen zerfressen. Ruhig bleiben, atmen. Die Welt braucht eine Pause. Ich auch.

Im Vierfüßlerstand, zurück auf der Matte, ändere ich meine Pose im sanften Wechsel zwischen „Katze“ (runder Katzenbuckel) und „Kuh“ (Hohlkreuz mit Blick Richtung Decke). Namaste! Ich schnappe nach Luft, versuche meinen Atem zu vertiefen und mich zu beruhigen. Okay, es läuft. Es läuft mir kalt über den Rücken und ich verkrampfe. Ruhig bleiben, atmen. Die Welt ist im Ausnahmezustand. Ich auch.

Mit einer gekonnten Bewegung schaffe ich einen fließenden Übergang zur „Taube“. Am Bauch liegend, linkes Bein gestreckt, rechtes Bein angewinkelt. Meine Muskeln im Oberschenkel brennen, im Gesäß ein ziehender Schmerz. Es fühlt sich an, als würde mein Körper in entgegengesetzte Richtungen gezerrt werden. Wie bei einer Folter, der ich mich freiwillig hingebe. Ruhig bleiben, atmen. Die Welt befindet sich in einer Zerreißprobe. Ich auch.

Etwas wackelig kehre ich zurück in den Stand, mache mich lang wie ein „Baum“. Ich verlagere mein Gewicht auf das rechte Bein, ziehe das linke Bein hoch und drehe das Knie nach außen. Mit geschlossenen Händen die Arme über dem Kopf. Ich suche nach meinem Gleichgewicht und kann es nicht finden. Mir wird schwindelig. Ruhig bleiben, atmen. Die Welt gerät ins Wanken. Ich auch.

Ich will Stärke und Stabilität und wage mich in den „Krieger“. Denn diese Position erdet und hilft uns dabei Unwissenheit und Ignoranz zu bekämpfen, was häufig als die Ursache allen Leidens auf der Welt angesehen wird.

Mit gegrätschten Beinen drehe ich den linken Fuß um 90 Grad nach vorne aus und halte den rechten Fuß leicht nach innen. Ich stehe fest auf meiner grünen Matte und beuge mein linkes Knie über den linken Fuß. Die rechte Schulter drehe ich in Richtung Decke. Mein entschlossener Blick folgt dem gestreckten rechten Arm, der, zu meinem Erstaunen, heute gar nicht zu zittern beginnt. Ruhig bleiben, atmen. Die Welt ist im Krieg – gegen das Virus. Ich nicht.

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