Christian erzählt: „Mitte der Fünfzigerjahre übersiedelten meine Eltern mit meinem älteren Bruder Josef aus Sachsen, der Heimat meiner Mutter (mein Vater stammte aus dem Bezirk Baden) auf die Königsalm. Meine Großmutter väterlicherseits hatte hier ein Gasthaus gepachtet und es gab im, in unmittelbarer Nähe gelegene Sägewerk, eine Arbeitsstelle für meinen Vater.
Sie bezogen eine 2-Zimmer-Wohnung in einem Arbeiter-Wohnhaus auf dem Areal des Sägewerks, in der auch ich später lebte. In diesem Haus wohnten mehrere kinderreiche Familien.
Das Sägewerk war ein für die damalige Zeit moderner Betrieb mit einer durch die Wasserkraft des Kremsflusses betriebenen Turbine, einem Dampfkesselhaus und einem Sägegatter. Es herrschte auf dem Gelände reger Arbeitsbetrieb: LKWs brachten Rundholz aus dem Gut Jaidhof und es wurden hauptsächlich Bauholz und Bretter geschnitten.
Das gesamte Areal war für uns Kinder ein Spielplatz. Die Bretter wurden in großen Stapeln zum Trocknen aufgelegt. Manchmal legten wir, die wir den ganzen Tag in der Gegend unterwegs waren, ein Schmalzbrot, das wir zur Jause bekommen hatten, zwischen die mit Zwischenleisten gestapelten Bretter, das wir dann tags darauf knusprig getoastet verspeisten.
Ich schätzte mich glücklich, weil meine Großmutter mir erlaubte, meine Spielkameraden ins Gasthaus auf eine Limonade, also eine ‚Schartner Bombe‘ oder ein ‚Libella‘ einzuladen. Offenbar liebte meine Großmutter mich sehr. Sie tadelte mich jedenfalls nie und präsentierte mich oftmals den Gästen mit den Worten: ‚Das wird einmal der junge Wirt!‘
Zum Zeitpunkt der Auflösung des Pachtvertrags für das Wirtshaus wechselte auch das Sägewerk seinen Besitzer. Alle dort wohnenden Familien zogen aus; wir in unser neu erbautes Einfamilienhaus. Ich erinnere mich, dass wir Kinder bei den Übersiedlungen der Mieter eine irgendwo abgestellte große, volle Korbflasche mit Wein fanden, diese nahmen und damit ein kleines ‚Wirtshausspiel‘ veranstalteten: Mein älterer Bruder schlüpfte in die Rolle des Lebensgefährten meiner Großmutter, Herrn Schröder, wir anderen Kinder waren die Gäste und tranken von diesem Wein. ‚Bitte, Herr Schröder, noch ein Viertel!‘, sagten wir, und mein Bruder schenkte fleißig nach. Schließlich war einer unter uns so betrunken, dass er in eine Regenpfütze stürzte und wir ihn dann dreckig und nass irgendwo in die Sonne setzten. Unsere Eltern zeigten sich wenig erfreut über dieses Spiel.
Heute ist das Sägewerk eine Industrieruine, die ich gelegentlich auf Spaziergängen aufsuche. In Gedanken bin ich dann oft in meiner Kindheit und Jugend, in der so viele Menschen die Königsalm mit Leben erfüllten. Ich bin dankbar für meine schöne Kindheit und Jugend!“
© Roswitha Springschitz 2026-04-29