von Gerhard Hirschl
“Schau‘ Links, schau‘ rechts… “ so hat ein Sprüchlein begonnen, welches ca. 1965 in der Volksschule gelehrt wurde. Erinnern sich manche? ‘Verkehrserziehung’ : ”Schau‘ links, schau rechts, geh‘ gerade aus, dann kommst Du sicher gut nach Haus.“ Frau Bayrer *1) – der Name ist mir nach über 50 Jahren noch in Erinnerung, – daher sei dies auch ein Nachruf – hat uns das für das Überqueren einer Straße beigebracht. Nach der Praxis auf der Straße ging es mit unserer Lehrerin in das Klassenzimmer. Hier ließ sie uns Tische auseinander rücken, quasi eine Fahrbahn bilden, und zwei ihrer Kinder auf den so gebildeten Fahrstreifen aufeinander zugehen. Ein drittes Kind war Fußgänger und sollte an der Begegnungsstelle queren. Sie zeigte damit sehr anschaulich, dass der von links kommende Schüler zuerst den Fußgänger rempelt. So banal dies einem Erwachsenen scheint, so aufwendig ist es doch in dieser Zeit dem Verständnis der Kinder adäquat die Dinge näher zu bringen.
Nach all den Jahren kommt mir in den Sinn: Es war zwar auf kindlichem Niveau eine Unterrichtsstunde in Verkehrserziehung, aber gleichzeitig auch in experimenteller Physik. Die Bewegung von zwei Objekten und das räumliche Zusammentreffen lässt sich durchaus als physikalischer Prozess deuten. *2)
Noch etwas kommt mir in den Sinn. Versuchen Sie den Merksatz auf Englisch zu übersetzen: Look left, then… FALSCH! Einfach deshalb, weil in England Linksverkehr ist. Ich bin beim Experiment. Die Bedingungen müssen zuerst definiert sein. Hier heißt es also: Look right, then left… *3)
Wie konnte es zu so einem Highlight der Erziehung kommen? Ich verwende bewusst dieses negativ belegte Wort. Da ist einmal die Lehrerin – eine Respektsperson, doch diesen Respekt hat sie sich verdient. Sie hat die Kinder gemocht. Sie hat sich um den Rülpel, den Fratzen genau so bemüht, wie um die lieben, netten, angepassten Schülerinnen. Da sind auf der anderen Seite die Kinder, welche zu so einem Menschen Zuneigung empfanden. *4) Wenn noch etwas fehlt, sind es – die Eltern. Diese Generation, der immer zu viel Strenge nachgesagt wird, habe ich im gesellschaftlichen Stimmungsbild nicht nur streng und unnahbar kalt erlebt. Diese Gesellschaft hat ein Stimmungsbild der Gemeinsamkeit und des für einander da sein vermittelt. Auf diesem Substrat war so ein Unterricht möglich.
Ist es auch heute möglich? Wir müssen uns bemühen!
Nebensätze:
1) Für uns Kinder war sie einfach die Frau)Lehrerin. Sie selbst hat sich sicher auch so verstanden. Unverheiratet war sie einfach für die Schüler da. Sie hat sogar ihre Klasse nach Jahren zu sich nach Hause eingeladen. Vielleicht ist das ein Einblick in eine Gesellschaft, die manchen von uns heute unvorstellbar ist.
2) Eine Zuwenden zu den Kindern auf mehreren Ebenen gleichzeitig.
3) Nicht nur in der Physik gilt es immer wieder den Blickwinkel und die Voraussetzungen für das Leben an sich zu hinterfragen.
4) Sie erkennen die Zuneigung an dem Schreiber dieser Zeilen.
© Gerhard Hirschl 2022-08-03