SELBSTBEFRIEDIGUNG

James Weyringer

von James Weyringer

Story

Der Mensch lebt nicht in der Jetztzeit, und kann sie auch nicht definieren. Von der Vergangenheit und der Zukunft bedrÀngt, taumeln wir durch den unverstÀndlichen Fluss.

Rauch verdunkelt alle Himmel. In dem Chaos der Gezeiten finden sie Fisch, in dem Farbkontrast von Rot-GrĂŒn saftige Beeren. Sie setzt sich auf einen Stein, denn er hat die richtige GrĂ¶ĂŸe, um ihre preferierte Körperposition optimal zu akkommodieren. Die FlĂ€che ist glatt genug, kein Unbehagen zu erzeugen. Die scharfen, gezielten Handbewegungen, das schimmernde, abstrake Ideal der Form, alles Erbe eines Lebens. Eines Lebens, das notgedrungen die vorhergegangenen Millenia miteinbezieht, das ihr HĂ€nde, Motorkontrolle, Begierde geschenkt hat. Die Pfeilspitze schreit die ersten Schatten des Egos gen Himmel, hat sich nicht die Linie auf Arten gewunden, die klar differenzierbar denen ihrer Mit-Menschen sind? Ist nicht jede kleine Schramme, jede Ein- oder Ausbuchtung ein Zeugnis allen Kosmos bis an diesen Punkt?

Die RealitĂ€t ist im Fluss, seit sie existiert. Jedwede mögliche VerĂ€nderung erfordert Zeit. Erwacht sie in der Gegenwart, ist der Moment kurz- wie kurz kann er denn werden? Taucht sie einmal unter, ist Zivilisation ĂŒbermĂŒtig davongeflogen, Stein von Wasser erodiert, Energie von Supernovae in die Ferne verstrahlt worden; schließt sie einmal ihre Augen, hat sich der Windhauch noch nicht einmal an ihrer Stirn vorbeibewegt. Der Stoff des Universums rinnt samtig durch ihre Finger. Egal, wie genau man auch versucht, zu werden, es finden sich immer noch Ereignisse, die zwischen den kleinsten AbstĂ€nden wie durch infinitesimales Nadelöhr hindurchschlĂŒpfen. ImmerwĂ€hrende Dauer, kein indefinites Entkommen. Fraktale, bis ganz nach unten- oder bis zur unĂŒberwindlichen MenschseinsbeschrĂ€nkung und darĂŒber hinaus.

Ungeachtet betreibt sie Analysis und KalkĂŒl in einem höhnischen Abstand zu ihren Konsequenzen. GlĂŒht ihr Herz wie Ofenschlund, ist es kurz still. Nichts bewegt ihre psychischen Gliedmaßen. FĂŒr keinen definierbaren Moment ist es still, bis die Zeit von eigenen HerzschlĂ€gen oder dem Gedanken an die völlige Unmöglichkeit einer wahrhaften Gegenwart wiedererweckt wird. Man kann’s nicht gewinnen, wenn man mittendrin steckt, jeder Moment enthĂ€lt in sich das Moment seiner Erlöschung. Unlösbares RĂ€tsel, diese Gegenwart.

UnschĂ€rfe, Chaos, Auflösung. WĂ€re da nicht die Quantenmechanik, könnte man ja schön postulieren, dass alles, das zur Weitsicht nötig ist, theoretisch existiert, egal, wie unerreichbar. Um auch nur einen fallenden Regentropfen zu fangen, mĂŒsste man den Hergang der Formation der ersten Elemente mit einberechnen, aber es wĂ€re ja trotzdem- möglich. Sie ist meisterhaft in ihrer Deduktion aus dem Gegebenen, ein meisterhafter Mensch, der die Zukunft seine Jetztzeit ĂŒberfressen lĂ€sst, ins Innere, ins Mark bohrt sich das Wissen, der Schauder, der einen mit der Gewissheit trifft, den Moment der Erlöschung erzwungen vor sich zu haben. Von einem Orgasmus in den nĂ€chsten ist die Kehrseite der Medaille. Wenn der Schock ihren Körper trifft, muss ihr Geist nicht fĂŒhlen, kann sich in den nĂ€chsten flĂŒchten. Immer auf der Suche ist die Dreigeteilte.

© James Weyringer 2023-08-31

Genres
Romane & ErzÀhlungen