von Evelyn Weyhe
Jeden Tag frühstücken sie gemeinsam. Nicht immer um die gleiche Zeit. Es kommt auf das Tagesbefinden der einzelnen an. Das Wetter spielt auch eine Rolle. Bei Regen bleibt man gerne etwas länger im Bett. Oder der eine oder andere fühlt sich nicht wohl, was im Alter ja mal vorkommen kann. Wenn die Sonne scheint, nehmen die Senioren gerne das Frühstück auf der Terrasse ein. M. muss noch seine Tabletten holen, E. hat noch keinen Lippenstift aufgelegt, S. muss noch schnell ihren Freund O. begrüßen und V. muss eben noch das Morgengeschäft erledigen. So dauert es oft eine Weile, bis alle endlich um den Tisch versammelt sind. Die Frage Kaffee oder Tee, Obst oder Ei oder beides, ist schnell geklärt. M. ist mehr für Obst, E. schließt sich der Mehrheit an, S. bevorzugt kleine Fleisch- oder Wurstportionen, V. entscheidet sich für Fisch. Dieser muss sehr weich gekocht sein, denn er hat nicht mehr alle Zähne und weigert sich, ein Gebiss anpassen zu lassen. So ist es eine bunt gedeckte, reichhaltige Tafel, die für jeden etwas Leckeres bereithält. S. und V. sind beide schon ziemlich dement und es ist manchmal nicht leicht, sich darauf einzustellen. V. zum Beispiel, vergisst oft, dass er bereits gefrühstückt hat und fordert lautstark Nachschub. Man kann ihm nicht böse sein, dem alten freundlichen Herrn. Wenn er mit seinen, auch im Alter noch glänzenden Augen einen ansieht, schmilzt man dahin. E. steht des Öfteren vom Tisch auf, weil keine Servietten da liegen oder sonst etwas fehlt. S. (auch schon etwas dement) läuft immer hinterher, als könne E. auf Nimmerwiedersehen davonlaufen. Das nervt manchmal, aber sie ist eine so liebe alte Dame, dass auch ihr niemand böse sein kann. Sie vergisst meist, sich zu kämmen und ihre Haare stehen wie bei einem Punk zu Berge.
Nach dem Frühstück ist für einige der Senioren Ruhe angesagt. E. und S. lieben es jedoch vorher noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen. V. bevorzugt ein Schläfchen im Sessel, gerne auch in der Sonne. M. ist auch einer Ruhepause im Liegestuhl nicht abgeneigt. Es kehrt wieder Ruhe ein im Seniorenalltag. Bis zum Mittagessen, da geht alles wieder von vorne los. Wir sind ein eingespieltes Team.
(Von links nach rechts: S., M., E., V.)