Smultronstället

HelgaP

von HelgaP

Story

„Smultronstället“ ist schwedisch und bezeichnet wortwörtlich übersetzt „Walderdbeerenplatz“. Also den Platz im Wald, die versteckte Stelle, wo man die süßen, aromatischen, roten, kleinen Beeren finden konnte. Eine solche Stelle hält man geheim und verrät sie höchstens nur den besten Freunden.

Dieses Wort kann aber auch noch viel mehr meinen: so bezeichnet man damit auch Plätze, Dinge, Ereignisse, die einem besonders wertvoll, besonders lieb sind und einem das Leben süß und würzig machen, wie der Geschmack einer reifen Walderdbeere auf der Zunge.

In meinem Garten unter den Pfingstrosen hat sich in den letzten Jahren eine Population von Walderdbeerpflanzen vermehrt. Jährlich werden es mehr und heute Morgen ging ich ans Pflücken der kleinen Kostbarkeiten. Mit ein wenig Zucker darauf ergab meine Ernte einen kulinarisch so erfreulichen Nachtisch, dass ich mit geschlossenen Augen am Tisch saß und mir ob dieser Geschmacksexplosion auf der Zunge regelrecht wohlige Schauer über den Rücken liefen.
Ich hatte gerade heute von jemandem gelesen, dem am Ende seines Lebens weder Speis noch Trank, ja nicht einmal mehr die früher so geliebte Zigarette schmeckten. Mit dem süßen Aroma auf den Lippen, dachte ich darüber nach und beglückwünschte mich selbst, dass mir erstens solche guten Früchtchen im Garten wachsen – ich also nicht im zeckenlastigen Waldgestrüpp herumsuchen muss – und dass meine Geschmacksnerven noch fähig und aufnahmebereit für einen Genuss dieser Art sind.

Während ich in ganz kleinen Portionen am Löffel mein Schälchen leerte, ging es mir durch den Sinn, was wohl im Leben meine gedanklichen „Smultronställen“ waren und sind?

Erlebnisse in meiner Kindheit, Naturerfahrungen aller Art, das Lächeln meiner Kinder und Enkel – Situationen die so schön gewesen sind, dass sie wie die aromatische Süße auf meiner Zunge auch mein Herz mit schwer beschreibbarer Süße erfüllen. Erinnerungen an sinnliche Situationen, in denen sowohl Körper als auch Seele beteiligt waren und so zu einer süßen Einheit verschmolzen, die mir beim Gedanken daran ein Lächeln ins Gesicht malen. Ich erinnere mich an eine Reise zu zweit, wo bei einer Freiluftmuseumsbesichtigung hinter einer Scheune ein ganzes Meer von reifen, herrlich roten Walderdbeeren von uns entdeckt wurde. Seither stellen diese Beeren für mich ein Sinnbild von Süße und Erfüllung – geschmacklich wie auch erotisch – dar.
So vieles fällt mir ein, wenn ich die „Smultronställen“ meines Lebens in meinem Kopf katalogisiere. Wie dankbar bin ich für alle diese schönen erlebten Dinge und wie zufrieden blicke ich darauf zurück.
Wenn meine Schwestern und ich in unserer Kindheit mit gefüllten Bechern vom Walderdbeerpflücken nachhause kamen, war unsere Befriedigung groß und vermischte sich mit der Vorfreude auf das Gute, das da bald am Tisch stehen würde. So hoffe ich zwar auch heute noch darauf, dass ich in meinem Leben noch „Smultronställen“ finden werde. Aber wenn nicht, habe ich auf alle Fälle einige in meinem Kopf.

© HelgaP 2024-06-01

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