von Sonja Knöpfel
Es ist Hochsommer.
Mich versetzt die Hitze in eine Art Südstaatenstimmung. Die Luft ist schwanger von unterdrückter Wut, schweißtreibender Arbeit, verheißungsvollen Abendstunden und sexueller Spannung. Ganz so wie bei Elia Kazan Filmen und Tennessee Williams Stücken. Ich möchte mit dir auf eine Wiese liegen und sonst nichts tun. Vielleicht hin und wieder von dir gestreichelt und geküsst werden. Ich möchte eine Runde im warmen Wasser schwimmen. Meinen nassen Körper müde und glücklich auf deinen fallen lassen. Wie Alain Delon und Romy Schneider in «La Piscine». Doch ich sitze ganz alleine hier und träume von unserm nächsten Treffen. In der Hoffnung, dass dann noch Sommer ist.
Ich verkrieche mich aus meiner stickigen Stadtwohnung ins klimatisierte Kino. Der Saal ist beinahe leer. Auf dem Bildschirm ist es ebenso heiß wie draußen.
Der Schriftsteller mittleren Alters und seine junge Geliebte tauschen Gedanken aus, die intimer sind als jede Berührung. Ich mache es mir im Samtsessel gemütlich. Der geschmeidige Stoff auf meiner nackten Haut erinnert mich an dein Sofa. Die anregenden und wundervollen Dinge, die wir uns dort anvertraut haben. Sofas eignen sich fantastisch für einige meiner liebsten Tätigkeiten: Weltliteratur lesen, ein Glas Rotwein genießen, tiefe Gespräche führen, hemmungslos Ficken.
Es sind mehr die Worte und die Blicke der Protagonisten, die berühren als ihre Berührungen selbst. Ich denke an unser Gespräch von vorgestern. Noch nie habe ich jemanden angeschaut, wie ich dich anschaue. Manchmal macht es mir Angst, welche Macht ich dir gebe, wenn du durchschaust, was meine Augen dir über meine Wünsche und Träume mitteilen.
Ich tauche ganz ab in die tragisch-schöne Geschichte des Films. Sie ist gerade genug tragisch, um die Realität in ihr zu spüren und zu wenig schön, um sie zu vergessen. Der Film ist vorbei und ich bin inspiriert vom Film, der Liebe und dem Leben.
Ich fühle mich unbesiegbar in dieser Jahreszeit. Ich liebe den Sommer mit seinen langen, hellen Tagen, viel Zeit draußen und so wenig wie möglich am Körper. Gerade so viel, dass es für dich den Reiz aufrechterhält, mir mein Kleid bei Seite zu schieben, um mich im Fahrstuhl anzufassen. Manche mögen die Hitze nicht. Sie zeigt gewisse Dinge dann erst recht in ihrer reinsten und ursprünglichsten Form: der Duft der dampfenden Straße, der ausdünstenden Körper und die Laune ihrer Besitzer nach einem viel zu heißen Tag.
Ich hingegen finde es wunderbar, halb nackt am Wasserrand, der Wiese oder dem Bett zu liegen auf einen Windzug wartend oder dich. Wie sich müde, warme, glückliche Körper langsam aufeinander legen bis sich irgendwann alles zu einem wundervollen Ganzen vermischt. Der Moment ist derart leidenschaftlich und vollkommen, dass es überhaupt nicht stört, wie Schweiß und Sperma ineinander übergehen bis unsere erschöpften und erfüllten Körper wohlig wegdösen in einen hitzigen Halbschlaf schwanger von Versuchungen, Versprechungen und Träumen.
© Sonja Knöpfel 2023-08-22