von Franz Brunner
Geschichten im Allgemeinen und Weihnachtsgeschichten im Besonderen sind ja vom Wahrheitsgehalt her sehr mit Vorsicht zu genieĂen. Wer hat schon tatsĂ€chlich einmal ein fliegendes Rentier gesehen? Na also. Andererseits, muss man wirklich fĂŒr eine Geschichte vom Nikolaus eine eidesstattliche ErklĂ€rung abgeben, oder muss eine Anekdote vom Krampus unbedingt einer PlagiatsprĂŒfung standhalten? Nein, muss alles nicht sein. Was allerdings den Beitrag solcher Texte zur Erziehung unseres Nachwuchses betrifft, ist die Sache Ă€uĂerst fragwĂŒrdig.
Mal ehrlich, wo liegt der pĂ€dagogische NĂ€hrwert einer Geschichte, in der zwei Kinder eine gebrechliche alte Frau mitten im Wald in einem Ofen verbrennen? Mir blieb dieser NĂ€hrwert bisher verschlossen. Zudem bleibt unbeantwortet, wie HĂ€nsel und Gretel diese Moritat psychisch verkraftet haben. Doch zurĂŒck zum Christkind. Egal, welcher Konfession man mich zuordnet, was Weihnachten betrifft, kann ich garantiert keine Pluspunkte sammeln.
Aus der katholischen Kirche bin ich bereits vor Jahren ausgetreten. FĂŒr ein besseres Karma im Buddhismus habe ich schon zu viele Ameisen und anderes Kleingetier auf dem Gewissen. FĂŒr einen guten Hindu ist mein Verzehr an Rindfleisch zu groĂ und fĂŒr einen braven Moslem fehlt mir der Bartwuchs, zudem wĂŒrde Mohammed meinen Alkoholkonsum beanstanden. Ich kann mich also, was meine Einstellung zu Weihnachten betrifft, ungeniert und ohne weitere Nachteile befĂŒrchten zu mĂŒssen, austoben. Und genau das mach ich jetzt.
Weihnachten, das Fest der Liebe. Was die katholische Kirche von jeher propagiert, wird durch aktuelle Statistiken eindrucksvoll bestĂ€tigt. Im September kommen, neben dem Juli, am meisten Kinder zu Welt, weltweit ohne gröĂere Abweichungen. Was nach Adam Riese bedeutet, dass um die Weihnachtszeit herum offensichtlich am meisten gekuschelt wird.
Weihnachten ist zudem noch in anderer Hinsicht das Fest der Liebe, nĂ€mlich jenes der Liebe zum Alkohol. In Ăsterreich steigt im Dezember der Alkoholkonsum im Vergleich zu den Vormonaten um ĂŒber 30 %. Was zugleich zur Folge hat, dass die depressive Stimmung zu dieser Zeit im Lande merklich zunimmt. Vielen Ă€lteren Menschen, oft auch jĂŒngeren, wird ihre Einsamkeit dann ĂŒberdeutlich vor Augen gefĂŒhrt.
Wissen Sie eigentlich, warum wir Weihnachten feiern? Anzunehmen, doch mehr als ein Drittel der Kinder in Deutschland weiĂ das nicht (FAZ-Umfrage 2017). Die Palette der Antworten ist groĂ und teilweise skurril, reicht vom „Todestag des Weihnachtsmannes“ bis zu „weil die Oma kommt“. Nur 15 % der Kinder bringen dieses Fest irgendwie mit Jesus in Zusammenhang. ErnĂŒchternd, oder, wo doch die „Rettung des Handels und der Wirtschaft“ die richtige Antwort wĂ€re.
Ungeachtet der Faktenlage, liebes Christkind, lass dich nicht entmutigen. Mach, wonach dir der Sinn steht und verteile weiterhin deine PĂ€ckchen. Vergiss dabei bitte nicht, dass auch kritische Menschen sich ĂŒber Geschenke freuen.
© Franz Brunner 2021-12-14