Spazieren gehen

Manuela Johanna Holl

von Manuela Johanna Holl

Story

Seit vielen Jahren gehe ich regelmäßig spazieren.

Das klingt für manche altmodisch. Ich habe jedoch einmal gelesen, dass spazieren gehen auch schöpfen gehen bedeutet. Das gefällt mir sehr gut und das versöhnt mich mit dem altmodischen Gedanken.

Ich gehe also spazieren, einmal mehr und einmal weniger. Manchmal gehe ich tage- und wochenlang denselben Weg. Manchmal erscheint er mir wie am Vortag und an anderen Tagen entdecke ich an jeder Ecke etwas Neues.

Manchmal schauen die Fenster einer kleinen Hütte so anders aus als am vorherigen Tag. Und manchmal, wenn ich bei den drei kleinen Bäumchen stehe und schaue, kommt es mir vor, als würde ich mich in einer neuen Welt befinden.

Meistens gehe ich ohne Absicht meinen Weg entlang. Dann bin ich offen, für alles, was sich zeigt und alles, was da auftaucht um mich herum und in mir.

So entstehen sehr oft meine Geschichten.

Meist sind die Geschichten noch da, wenn ich heimkomme. Dann kann es passieren, dass ich nur mit einem einzigen Satz nach Hause komme und erst dann entsteht die ganze Geschichte. Es kommt auch vor, dass die Geschichte einfach weg ist. Und manchmal taucht sie dann wieder auf, unverändert. Es kann auch vorkommen, dass sie sich im Laufe des Tages verändert. Einige Gedanken werden durch neue ersetzt und manche sind nicht mehr existent, weil sie in der Zwischenzeit unwichtig geworden sind.

Manchmal verschwindet die Geschichte im Nichts.

Dann hat sie sich irgendwie erledigt. Oder vielleicht war die Geschichte gar nicht meine und sie hat sich mir nur gezeigt als das, was sie ist, als eine Geschichte für jemand anderen.

Manchmal gehe ich mit einer Frage aus dem Haus.

Die trage ich dann mit mir. Meistens komme ich mit einer Antwort wieder, einer, die mir dann beisteht bei diesem oder jenem Ereignis oder Problem. Manchmal trage ich meine Frage so vor mir her und sie löst sich mit jedem Schritt auf. Dann hat sich die Frage erledigt, auf irgendeine ganz wundersame Art und Weise, dass ich sie nicht einmal mehr in meinem Kopf habe, bevor ich noch die Schritte nach Hause antrete.

Das ist wohl auch der Grund, warum ich so gerne alleine gehe.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich dabei jemals verloren fühle, auch wenn ich manchmal traurig bin oder ich mir um irgendetwas Sorgen mache. Allein fühle ich mich auf meinen Spaziergängen nie, denn ich habe immer etwas mit. Mich und meine Geschichten.

Beim Spazierengehen!

© Manuela Johanna Holl 2019-12-28

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