Spieglein, Spieglein an der Wand…

Melissa Reichel

von Melissa Reichel

Story

Heute, im 21. Jahrhundert kann man sich ein Leben ohne „den letzten Blick in den Spiegel, bevor man das Haus verlässt“ nicht mehr vorstellen, egal ob zur Kontrolle des Make-ups oder zu einem finalen „Du schaffst das.“ vor dem Halten eines Referats in der Schule. Was wäre nun, wenn das Spiegelbild nicht blinzeln würde, wenn man selbst es tut oder es dich aufmunternd anlächeln würde, während man selbst an der Frisur für die Hochzeit der Schwester verzweifelt? Würdest du jemandem erzählen, dass du mit deinem Spiegelbild kommunizieren kannst, würde man dich für geistig unzurechnungsfähig erklärt. Schließlich ist das eine Unmöglichkeit. Umso mehr Spaß macht es, es sich einmal vorzustellen. Was würde dein Spiegelbild dir sagen? „Hör auf dir so viele Sorgen zu machen. Alles wird gut.“ Vielleicht wäre dein Spiegelbild dein bester Freund, dein Unterstützer. Was wäre aber, wenn dein Spiegel dein härtester Kritiker wäre? „Es ist egal, wie viel du übst, du wirst nie so gut sein, wie die anderen.“ Vielleicht sagt dein Spiegelbild auch einfach nichts und bringt dich stattdessen mit komischen Grimassen jeden Morgen zum Lachen. In der Realität ist dein Spiegelbild nicht dein bester Freund und nicht dein Kritiker, aber genauso wenig bringt es dich zum Lachen. Du stehst vor dem Spiegel. Nur du allein musst dein bester Freund und Kritiker sein. Ein Spiegel reflektiert nur, was du ihn reflektieren lassen möchtest.

Das sagt das Mädchen sich selbst jeden Morgen, während sie einen Teil ihrer Haut zwischen den Fingerspitzen kritisch mustert, verabscheut. Denn sie wird nie zu den wunderschönen Mädchen gehören, wie es sie in Filmen zu sehen gibt. Das sagt sie sich selbst jeden Abend, während sie das Baumwollpad über ihr Gesicht streicht und ihre Poren nach einem Tag unter Make-up atmen lässt. Egal wie oft sie sich sagt, dass ihr Spiegel ihr Freund sein könnte, kann sie nicht aufhören die Augen von ihrer eigenen Reflektion abzuwenden; in Ekel, in Abscheu, in Hass. Sie wird nie genug sein; nie schön genug, nie dünn genug, nie groß genug.

Ach, wenn sie doch nur wüsste, dass sie mit diesen Zweifeln nicht die Einzige ist, dass die meisten diese hegen. Ach, wenn sie doch nur wüsste, wie perfekt sie ist – auf imperfekte Weise.

Aber sie weiß es nicht. Vielleicht eines Tages. Aber bis dahin versteckt sie sich in Oversized Hoodies, der ewiggleichen Frisur und dem Make-up. Sie trägt ihre Maske mit sich herum, wohin sie auch geht. Denn wohin sie auch geht, wohin sie auch blickt, sind Spiegel, sind Augen. Sie wird beobachtet. Sie wird kritisiert. Sie ist der Mittelpunkt der Erde. Jeder kann einen Grund finden sie zu verurteilen – nach nur wenigen Sekunden, einfach anhand ihres optischen Erscheinungsbildes. Die Welt hasst sie. Ihr Spiegel und sie könnten Freunde sein. Die Welt und sie könnten Freunde sein. Sie könnte beide zu lieben lernen. Vielleicht muss sie damit beginnen sich selbst zu lieben. Nur ist das nicht so einfach.

© Melissa Reichel 2021-07-20

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