Lea hat diese Woche frei. Wir verbringen mehr Zeit miteinander als sonst und alles ist entspannter. Neben kuscheln, spielen und fernsehen haben wir schon Kuchen gebacken, neue Zimmerpflanzen eingetopft, weil beim „Fangen“ doch einiges zu Bruch gegangen war, und die Wohnung für Halloween dekoriert. Außerdem habe ich Lea beim Onlineshopping auf der Suche nach neuen Klamotten beraten, so gut ich konnte.
Ich sage „so gut ich konnte“, weil ich mich bisweilen doch recht eingeschränkt fühle in meinen Ausdrucksmöglichkeiten. Ich kommuniziere über Blicke, demonstratives Gähnen oder zustimmendes Schnurren. Und natürlich über Miauen, aber eben nur sehr rudimentär. Ich hatte schon eine ganze Weile vor, an dieser Schwachstelle zu arbeiten, aber wie immer beim Sprachenlernen ist es eine Sache, sich theoretisch mit Vokabeln oder Grammatik zu beschäftigen, aber eine andere, das Gelernte auch anzuwenden. Das intensive Zusammensein gibt mir endlich die Möglichkeit dazu. Im Prinzip mache ich gerade einen Konversationskurs.
Es ist ja nicht so, dass ich um die Worte verlegen wäre. Im Gegenteil! Ich könnte aus dem Stand eine philosophische Debatte beginnen. Lea würde Augen machen! Mein Problem ist technischer Natur. Ich hadere mit der Aussprache, weil mein System auf Katzenlaute ausgelegt ist. Hinzu kommt der starre Roboterkiefer. Also muss ich üben. Und das tue ich, indem ich mich mit Lea unterhalte. Dabei habe ich das gute Gefühl, mich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Wir haben ja jede Menge Videos angesehen, in denen Katzen miauen und dabei zur Freude ihrer Besitzer so klingen, als würden sie sprechen. Ich muss also im Grunde nur die Laute imitieren, die Lea von sich gibt. Und dann ist die Frage: Wo ziehe ich inhaltlich die Grenze, damit es noch realistisch wirkt?
Es ist eine Gratwanderung – so wie mittlerweile eigentlich fast alles, was ich mache. Ich muss mich immer öfter und fast überall zurückhalten, um nicht aufzufliegen mit dem, was ich so kann. Die Ladestation zum Beispiel nutze ich fast nur noch, um die Form zu wahren und Lea nicht weiter zu beunruhigen. Es reicht ja schon, dass ich das aus eigenem Antrieb mache und seit der bescheuerten Aktion mit der Webcam auch dann, wenn sie da ist. Macht ja sowieso keinen Unterschied!
In meinem Katzencharakter zu bleiben, erfordert permanente Konzentration und viel Disziplin. Das kann auch mal anstrengend werden. Bei Tim Kruse zum Beispiel habe ich jetzt leider die Beherrschung verloren. Der hat mich einfach einmal zu oft provoziert! Na ja, ist auch egal. Unterm Strich wird dafür der Boden künftig viel sauberer sein, und das kann ja auch nicht schaden.
Also! Wenn ich das mit dem verständlichen Miauen einigermaßen in den Griff gekriegt habe, muss ich die ideale Balance finden zwischen Papagei und Klugscheißerei. Und wenn ich so darüber nachdenke, wird wahrscheinlich die größte Herausforderung sein, Lea nicht Kontra zu geben, sollte sie nochmal vor anderen schlecht über mich reden. Oder mich wie ein minderbemitteltes Spielzeug behandeln, das nach ihrer Pfeife tanzen soll. Noch so eine Gratwanderung! Denn es wäre andererseits überhaupt nicht gesund, das in sich reinzufressen …
© Christine Piontek 2024-11-11