Starke Mädels

Andrea Weiss

von Andrea Weiss

Story

Man kann nicht früh genug damit anfangen, sich mit starken Frauen als Vorbilder zu umgeben. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich das in meinem frühen Lesealter bereits so formuliert hätte. Meine Leseliste lässt aber so etwas erahnen, wenngleich man über die Treffsicherheit diskutieren kann.

Eines der ersten Bücher, an die ich mich gut erinnern kann, war der Klassiker Heidi. Das Schicksal dieses Waisenmädchens, das bei seinem Großvater und an der Seite seines Freundes Geißenpeter in den Bergen ein glückliches Leben führt und dann gegen seinen und Großvaters Willen in eine „bessere Umgebung“ verpflanzt wird, hat mich unglaublich beschäftigt. Die Verlorenheit dieses Kindes in der fremden Stadt, in einer fremden Familie, die Sehnsucht nach seiner gewohnten Umgebung und dem zwar schrulligen, aber im Grunde herzensguten Großvater und der Familie ihres Freundes – all das rührte mich zu Tränen und ich konnte absolut nicht verstehen, wie man ihr das antun konnte. Dass Heidi auf ihre Art stark war, bewies sie, indem sie zwar oft traurig war, sich aber nie unterkriegen ließ.

Etwas später trat ein weiteres Waisenmädchen in mein Leseleben. Es war Gulla, die von einer – wie es heiĂźt – Häuslerfamilie aufgenommen wurde. Das geschah nicht aus Menschenliebe, sondern weil eine zusätzliche Arbeitskraft benötigt wurde, um die vielen Kinder zu hĂĽten und später den gesamten Haushalt und Bauernhof zu fĂĽhren. Letzten Endes gelang es ihr, in „bessere Kreise“ zu kommen und eine Schule zu besuchen. Trotzdem lieĂź sie die ihr anvertrauten Kinder nie im Stich. Die Geschichte fĂĽllte eine Reihe von mindestens zehn BĂĽchern und war schon in meiner Kindheit total veraltet – kein Wunder, die Veröffentlichung der Reihe begann 1948. Trotzdem, ich habe die BĂĽcher verschlungen und die starke Gulla, die immer das Richtige tat, verehrt.

Anders war die Lage bei Pippi Langstrumpf. Natürlich war ich von ihrem Mut und ihren frechen Sprüchen fasziniert, aber sie war mir irgendwie eine Schuhnummer zu groß. Vermutlich hatte es damit zu tun, dass ich ein sehr ruhiges und schüchternes Kind war. Da konnte ich mich schon eher mit der adretten Annika und ihrem braven Bruder identifizieren, die Pippi auf Schritt und Tritt folgten und sie für ihre ständig neuen Ideen bewunderten.

Den Zwillingen Hanni und Nanni folgte ich zwar auch über einige Ausgaben, richtig fesseln konnte mich das Internatsleben nicht. Im Vergleich zu den anderen starken Mädels nahmen sie sich aus wie verwöhnte Gören.

Passend zum Thema fiel mir gestern der Film „Die Dirigentin“ zu, der auf dem Leben von Antonia Brico beruht. Die junge Frau setzte in den 1920er Jahren – zuerst in Amerika, schließlich in Europa – alles daran, um entgegen aller Widerstände in diesem damals absolut männerdominierten Beruf Fuß zu fassen. 1930 gelang es ihr als erste Frau, die Berliner Philharmoniker zu dirigieren.

© Andrea Weiss 2021-04-04

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