von Margot Blaschke
Meine lieben Urgroßeltern, wie aufgeregt und glücklich war ich als kleines Kind jedes mal, wenn ich sie besuchen durfte – in ihrem kleinen Dorf, in dem riesengroßen, uralten Haus mit dem riesigen Garten. Hier fand meine Kinderseele soviel Magie und Abenteuer. Ich, die kleine Prinzessin meines Urgroßvaters. Er war wie so viele seiner Generation gezeichnet von lebenslanger harter Arbeit, hatte viel handwerkliches Geschick und er konnte tatsächlich noch Korb flechten. Es waren so kostbare Momente, wenn wir gemeinsam unter einem der alten Kastanienbäume saßen, er flocht an seinen Körben und erzählte mir seine Geschichten – und er erzählte sie in das Flechtwerk seiner Körbe hinein, ich hatte immer das Gefühl von Ewigkeit, Verlässlichkeit und Geborgenheit in seiner Nähe. Noch heute erinnere ich mich genau an seine alten, aber durchdringenden grünen Augen.
Oft unternahmen wir stundenlange Streifzüge durch die Auen des naheliegenden Leitha-Flusses. Da schnitten wir Weidenruten für seine Körbe, pflückten Blumensträuße für die Uroma, beobachteten Rehe, Hasen und Vögel – und er lernte mir das „Blatteln“ mit flachen Steinen auf der Wasseroberfläche, und zwar an jenen seltenen Tagen, an denen die Leitha genug Wasser dazu führte. Ansonsten war das Flussbett eher trocken und gut zugängig. Wir sammelten immer ein paar schöne Steine und ich durfte ihnen Namen geben oder mir ausmalen, aus welch märchenhafter Zauberwelt die Leitha den jeweiligen Stein hierher zu uns getragen hat. Jedes Mal durfte ich den schönsten mit nach Hause in seinen Garten nehmen und unter einem ganz bestimmten Kastanienbaum „verstecken“. Bei jedem meiner Besuche führte mich mein erster Weg zu diesem langsam aber stetig wachsenden Hügelchen aus Erinnerungs-, Märchen- und Zaubersteinen.
Eines Tages drückte er mir eines seiner kleineren selbstgeflochtenen Körbchen in die Hand und erklärte mir, dass ein Rehlein aus dem Wald ihm gesagt hätte, der Fluss will die Steine zurück um sie auch noch zu anderen Kindern weiterzutragen. Es fiel mir schwer, aber na gut, es leuchtete mir ein, als er mir sagte, dass auch andere Kinder die Zaubersteine finden wollen und dass auch sie diese nach einiger Zeit zurückgeben müssen. Und so sammelten wir sie ein und gingen in die Au. Am Flussufer angekommen, kniete ich mich hin und legte jeden einzelnen ins Wasser. Mit welch unsagbarer Geduld mein Uropa wartete, bis ich Stein für Stein dem Fluss zurückgegeben hatte. 😊
Meine Söhne sind erwachsen, ich bin ein paar Mal umgezogen….. aber ich lebe immer noch in der Nähe der Leitha, und wenn ich manchmal in ihrem Flussbett spazieren gehe, finde ich den einen oder anderen schönen Stein…….und frage mich, was der „Urli“ wohl für eine Geschichte dazu gewusst hätte und bin dankbar für die kostbaren Stunden, die ich als Kind mit ihm hatte – und für die mitgegebenen Werte, die mit Gold nicht aufzuwiegen sind.
© Margot Blaschke 2020-04-17