Stephen King

Daniel Scheuerer

von Daniel Scheuerer

Story

Ich saß mit einer Tasse Tee am Fenster, sah dem Regen zu und hörte das Hörbuch zu Stephen Kings „On Writing“. Für mich war er nie nur ein berühmter Autor, sondern eine Art unsichtbarer Begleiter durch meine Lesejahre. Seine Bücher standen in meinem Regal wie alte Freunde, deren Stimme ich bereits kannte, bevor ich die erste Seite aufschlug. Doch es war nicht eines seiner Monster, nicht ein spukendes Hotel oder ein mordlustiger Clown, der mich am meisten faszinierte. Es war eine Szene, die sich lange vor seinem Ruhm abgespielt hatte. In einem Trailer, in dem ein junger Mann an einer Schreibmaschine saß. Frustriert, müde und überzeugt davon, dass seine Geschichte nichts taugte. Stephen King hatte damals kaum Geld. Er arbeitete als Lehrer, schrieb nachts, rauchte zu viel und zweifelte an sich und seinen Geschichten. Vor ihm lag das Manuskript einer Geschichte über ein schüchternes Mädchen mit telekinetischen Kräften. Er las die ersten Seiten, schüttelte den Kopf, riss die Blätter aus der alten Schreibmaschine und warf sie in den Papierkorb. Ich stelle mir diesen Moment oft bildlich vor: das Rascheln der zerknüllten Seiten, das leise Klirren der Schreibmaschine, das Gefühl von Scheitern, das schwer im Raum hing. Für ihn war es nur ein weiterer misslungener Versuch. Für die Welt war es beinahe der Verlust eines Klassikers. Seine Frau Tabitha bemerkte die zerknitterten Blätter im Müll, zog sie wieder heraus, strich sie glatt und begann zu lesen. Und sie sagte etwas, das vielleicht zu den wichtigsten Sätzen der Literaturgeschichte gehört: Es sei gut. Er solle es zu Ende schreiben. Dieses Buch sollte als „Carrie“ in die Geschichte des Horrors eingehen. Dieser Augenblick, so unspektakulär er wirkt, war für mich wie ein Blitzschlag. Nicht wegen des Erfolgs, der später kam. Nicht wegen des Ruhms. Sondern wegen des Müllkorbs. Ich kannte diesen Müllkorb. Aus meinem eigenen Kopf. Ich habe immer gern gelesen. Besonders Horrorgeschichten. Sie ließen mein Herz schneller schlagen und meinen Verstand langsamer werden. Doch jedes Mal, wenn ich selbst versuchte zu schreiben, passierte dasselbe: Nach ein paar Seiten begann ich zu zweifeln. Meine Ideen erschienen banal, meine Sätze holprig, meine Figuren leblos. Gedanklich knüllte ich meine Geschichten zusammen, noch bevor sie richtig existierten. Dann las ich von King und Carrie. Von diesem jungen Mann, der überzeugt war, dass seine Geschichte wertlos sei. Von der Frau, die etwas darin sah, das er selbst nicht sehen konnte. Und von dem dünnen Faden zwischen „weggeworfen“ und „weltberühmt“. Ich begann wieder zu schreiben. Kleine Szenen zuerst. Kurze Geschichten über flackernde Lichter, über Schritte im Dunkeln, über Dinge am Rande des Blickfelds. Nichts, das ich für genial hielt. Aber ich schrieb weiter. Und jedes Mal, wenn ich dachte: „Das ist schlecht. Das kannst du vergessen“, stellte ich mir Tabitha King vor. Manchmal ist Inspiration kein lauter Donnerschlag, sondern das leise Rascheln von Papier, das aus einem Mülleimer gezogen wird. Heute weiß ich: Es geht nicht darum, sofort etwas Großartiges zu schaffen. Es geht darum, der eigenen Geschichte die Chance zu geben, zu existieren. Stephen King hätte Carrie beinahe vernichtet, bevor sie überhaupt eine Chance hatte, gelesen zu werden. Und genau dieser beinahe verlorene Moment hat mich mehr geprägt als jeder Bestseller. Denn wenn selbst einer der größten Horrorautoren der Welt kurz davor war, aufzugeben, dann darf auch ich zweifeln.
Solange ich nicht aufhöre zu schreiben.

© Daniel Scheuerer 2026-04-08

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Hoffnungsvoll, Informativ, Inspirierend