Stille

Judith Schwaiger

von Judith Schwaiger

Story

Frühjahr 2020, ich sitze auf dem Balkon mit meinem morgendlichen Kaffee und rauche genüsslich meine Zigarette, eigentlich alles wie immer, denk ich mir…. wäre da nicht diese Stille, diese verdammte Stille… Vogelgezwitscher, welches mich eigentlich immer erfreut empfinde ich, als wäre es ein letztes Konzert. Was ist nur mit dieser Welt passiert? Ich fühle wie mich ein Gefühl von Unwohlsein überkommt, mein Atem wird schneller und ich fühle deutlich, wie sich Angst in mir breit macht. Auf einmal gibt es da eine universelle Bedrohung, etwas das tötet, das man nicht sieht, hört oder richt. Man kann sich nur schützen, wenn man sich mit niemanden trifft, mit niemanden spricht, es könnte jeder haben, es entsteht ein generelles Misstrauen gegen Menschen. Ich versuche durchzuatmen “alles gut” sage ich halb laut zu mir selber, aber ich merke, dass ich meinen eigenen Worten nicht glauben kann. Mein 6 jähriger Sohn betritt den Balkon und reißt mich aus meiner aufsteigenden Panik: “Was ist los Mama?” “Ach nichts, hab nur nachgedacht….” antworte ich mit einem gezwungenem Lächeln auf den Lippen. Aber Kinder tolerieren nichts halbherziges, mein Sohn blickt mich an und fragt natürlich über was ich nachgedacht habe. “ja wegen Corona und so…” antworte ich und versuche möglichste gleichgültig zu wirken. Da bricht es aus meinem Sohn heraus, er tritt mit voller Wucht gegen den Mistkübel und schreit “Dieses Scheiss Corona, ich kann es nicht mehr hören, im Fernsehen, im Radio, du und Papa auch, nur noch Corona Corona Corona,” und schneidet dabei eine Fratze und fuchtelt wild mit den Händen herum. Ich sehe ihn mit großen Augen an und sage aus tiefster Überzeugung “du hast vollkommen recht“. “Komm, wir werden uns jetzt an Corona rächen”, ich hole schnell zwei Müllsäcke, wir husten beide hinein, “da ist jetzt das Corona drinnen ” sage ich, mein Sohn grinst mich breit und zufrieden an, wir binden die Müllsäcke so zu, dass sie mit Luft gut gefüllt sind und fangen an die Müllsäcke laut brüllend gegen Sessel und Wände zu schlagen, so als würden wir Corona verprügeln. Wie lange diese Prügelszenen gingen, weiß ich nicht, ich weiß nur noch das gute entspannte und total erschöpfte Gefühl, als wir es geschafft hatten, die Müllsäcke zu zerstören, wir fühlten uns beide als hätten wir Corona besiegt und es wäre alles vorbei. Natürlich war und ist die Coronapandemie auch eineinhalb Jahre später immer noch da und bedrohlich und allgegenwärtig, aber wir haben immer wieder mal mit Müllsäcken gekämpft und werden dies auch weiterhin tun, wenn wir das Gefühl haben, ausgeliefert zu sein, dann kämpfen wir eben mit Müllsacken! Egal was hilft und es ist auch egal wie es hilft, wichtig ist nur – ES HILFT!!

© Judith Schwaiger 2021-08-23