Stinkefinger (2024)

Christine Piontek

von Christine Piontek

Story

Jedes Mal, bevor ich ins Pflegezimmer gehe, stelle ich mir die gleiche, bange Frage: „Wie wird Mama reagieren?“ Noch immer und trotz allem ist da die Hoffnung, etwas aufblitzen zu sehen, das an die innige Bindung erinnert, die wir einmal hatten. Und stets antwortet die Stimme der Vernunft: „Erwarte nicht zu viel. Du weißt doch, wie es ist.“

Ja, das weiß ich. Ich weiß, dass die Frau mit dem maskenhaften Gesicht wahrscheinlich schlafen wird. Steif wird sie daliegen, mit vor der Brust gekreuzten Armen und zur Faust geballten Händen, die uns neuerdings gerne mal einen schrumpeligen Stinkefinger entgegenstrecken. Muskeln und Sehnen wollen es so. Trotzdem muss ich schmunzeln, wenn ich mir vorstelle, dass Mama kommuniziert. „Sehr treffend!“, denke ich dann. „Das bringt die ganze Scheiße doch prima auf den Punkt.“

„Siehst du“, sagt die Stimme der Vernunft, sobald sich das Szenario bestätigt. „Jetzt bist du wenigstens nicht enttäuscht.“ Ich nicke. Halbherzig. Es gibt nämlich auch Tage, an denen Mama „gut drauf“ ist und mich überrascht.

Im Mai 2023 war so ein Tag. Ich trat mit meiner Schwester („der Mittleren“, wie ich als Älteste von drei Mädels sie künftig nennen werde) ins dämmrige Pflegezimmer. Der Klang unserer Stimmen genügte. „WUNDERBAR!“, ertönte es plötzlich aus dem Bett.

„HA!“, triumphierte in diesem Moment die Stimme des Herzens über die der Vernunft. „Siehst du? Sogar laut und deutlich!“ Letzteres ist deshalb bemerkenswert, weil unsere Mutter – wenn überhaupt – nur noch brabbelt, während wir versuchen, ihre Laute so sinnvoll wie möglich zu beantworten. Wahrscheinlich gelingt uns das nicht immer und Mama wundert sich, warum in aller Welt wir nicht in der Lage sind, ihre Äußerungen angemessen zu würdigen. Immer das Gleiche. „Kann ich auch der Wand erzählen“, hätte sie früher gesagt.

Mamas WUNDERBAR begleitete mich damals über Tage. Ich war glücklich. Und natürlich ist die Frage berechtigt, warum es mir so wichtig war. Warum mein Tochterherz nicht ein bisschen abgeklärter war. Immerhin hatte es schon 15 Jahre Zeit gehabt, sich Schub für Schub zu wappnen.

Tja … So einfach ist es halt nicht.

Lange dachte ich, das Nicht-mehr-Erkennen, das ich so sehr fürchtete, käme als klarer Schnitt, von einem Besuch zum anderen. Schlimm genug! Mittlerweile weiß ich: Der Übergang ist fließend. Und er dauert. Zumindest bei Mama. Das Band ihrer Liebe ist stark und ich bin überzeugt: Tief im Inneren erkennt sie uns bis heute. Man merkt es daran, wie sie sich entspannt, wenn mein Vater sanft mit ihr spricht. Daran, wie ihr Blick weich wird, wenn sie uns hört. Wie sie es genießt, wenn ich ihren Kopf streichele, so wie früher.

Wir waren stets ihr Mittelpunkt. Wir sind es noch immer. Und während die hellen Momente mich glücklich machen, ist der damit verbundene Schwebezustand zugleich das, was mir die meiste Kraft raubt. Denn er verbietet es mir, meine Mutter loszulassen, obwohl ein großer Teil von ihr bereits gegangen ist. „Demenz ist ein Arschloch“, denke ich – und freue mich einmal mehr über den so passenden Stinkefinger.

© Christine Piontek 2025-02-19

Buchkategorie
Biografien
Stimmung
Herausfordernd, Emotional, Komisch, Reflektierend, Traurig
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