Stobitze

Marie-Luise Drilling

von Marie-Luise Drilling

Story
Auf meiner Reise


Ich habe viele Menschen getroffen, die behaupteten, sie könnten etwas nicht. Ihnen fehle einfach die Begabung dazu und generell könnten sie nichts dafür. Schon damals habe ich es für eine schlechte Ausrede gehalten. Vor allem, wenn es keinen Versuch gab, es überhaupt zu probieren. Umso deutlicher wurde mir dieses Paradoxon, als ich durch die verlassenen Städte reiste. Zu diesem Zeitpunkt reiste ich alleine, und so einsam die verlassenen Städte vom Titel her klingen, umso weniger waren sie es. Tatsächlich gab es dort ein sehr buntes Treiben.

Die Städte mussten früher einmal sehr prunkvoll gewesen sein. Man sah Ruinen von prunkvollen Häusern, von zusammengefallenen Türmen, die einmal bis in den Himmel reichen mussten und Gärten voller Skulpturen. Als ich mich der ersten Stadt näherte, fühlte es sich an, als wäre dieser Ort verlassen von allem, was leben konnte. Aber die Städte waren nur verlassen von denen, die sie errichtet hatten. Es gibt viele Legenden, warum die Erbauer ihre Heimat verlassen hatten. Die wahrscheinlichste ist, dass ihre eigene Gier sie zerstört hat. Nun besteht die Stadt nur noch aus verfallenen alten Häusern, aus zugewachsenen Straßen und unendlichen Haufen aus Gerümpel. Und mitten in diesem postapokalyptischen Chaos leben die Strobitze.

Sie sind mit Abstand die sonderbarsten Wesen, die ich auf meinen Reisen getroffen habe. Sie sehen ein wenig aus wie Vögel, jedoch fehlen ihnen Flügel. Sie haben nur dürre Überbleibsel von dem, was bei anderen Arme oder Beine wären. Sie werden quasi nur mit einem Bauch geboren, einem Kopf und einem Schnabel. Nur eines haben sie deutlich mehr als andere Wesen: Augen.

Die Anzahl der Augen variiert je nach Alter der Vögel. Erwachsene haben meist fünf Augen. Es soll einmal einen sehr, sehr alten Stobitz mit acht Augen gegeben haben. Die Legenden sagen, dass die Stobitze hier ausgesetzt wurden, weil sie genauso unnütz seien wie diese kaputten, verlassenen Städte. Was ich jedoch sah, war alles andere als unnütze Wesen. Tatsächlich waren sie überaus handwerklich begabt. Dadurch, dass die Vögel ohne Hände und Füße geboren waren, mussten sie sich welche bauen. Sie bedienten sich dabei an dem Gerümpel um sie herum und schufen daraus neue Hände.

Man muss zugeben, dass vor allem junge Stobitze sehr unpraktische Dinge als Ersatz für ihre Hände gewählt hatten. Ein Vogel hatte beispielsweise einen alten Fensterrahmen gewählt. Ältere Vögel jedoch hatten herausbekommen, dass jedes Werkzeug unterschiedlich zu nutzen war. So gab es Stobitze mit Springfedern als Fuß, andere mit Scheren als Hände, wiederum andere hatten Putzlappen angesteckt und die ganz raffinierten nutzten ihre neuen Hände, um noch bessere Hände zu bauen. So kam es, dass aus der Not geboren keine Hände zu haben, die Stobitze Spezialisten darin wurden, die besten Hände überhaupt herzustellen. Schnell wurde Nachricht in den Ländern verbreitet und bald wurden die verlassenen Städte zu den großen Werkstädten der Welt.


© Marie-Luise Drilling 2024-03-04

Buchkategorie
Science Fiction & Fantasy
Stimmung
Abenteuerlich, Inspirierend, Unbeschwert