von Sofia Scherer
Eines Tages hatte ich wohl den schlimmsten Arbeitstag meines Lebens (bis jetzt) erlebt. Es war so unangenehm, dass ich früher nach Hause gehen musste, da ich emotional so aufgewühlt war. Nachmittags habe ich Nico versprochen, ihm beim Lernen für den Geschichte-Test zu helfen. Ich erzählte ihm von der Situation und sein Tipp war: „Wenn ich angeschrien werde, schreie ich zurück!“ Tja. Das hätte ich liebend gern gemacht, aber musste ja schließlich professionell bleiben. Als ich mit den Gedanken kurz wieder in die unangenehme Situation abdriftete, merkte er es sofort: „Sofia, du bist zu nett mit den Leuten. Du musst dich wehren! Verteidigen! Wenn du das nicht machst, bist du wie ein Gemüse. Eine Kartoffel!“ So zauberte er wieder ein Lächeln auf mein Gesicht. Die letzten Wochen waren für mich sehr stressig. Es passierte viel an meinem Arbeitsplatz, und ich nahm mir viele Geschichten zu Herzen, nahm die Arbeit in meinem Kopf mit nach Hause.
Auch bei Nico herrschte so ein Gedankenkarussell. Ich habe schon Wochen zuvor bemerkt, dass er sich verändert hatte. Er war stiller, ruhiger, in sich gekehrt. Heute erzählte er endlich, wie es ihm ging. Vielleicht half ihm auch die Tatsache, dass es auch mir einmal nicht super gut ging und auch ich einmal eine Down-Phase hatte. Nico klagte über Schlaflosigkeit, Gedanken, die in seinem Kopf herumschwirrten, die Noten, die Professoren und auch die Eltern. Es lag immenser Druck auf seinen Schultern. Gute Noten nach Hause bringen, lernen, Basketball Training, Gedanken an die Zukunft (Schulwechsel?). Alles Themen, die sich nicht von heute auf morgen lösen ließen und in der Kombination auf Dauer echt belastend sind. Wir kamen zum gemeinsamen Schluss, dass wir beide eine Pause brauchten. Sehr DRINGEND! Oder vielleicht konkrete Methoden, um mit unserem Stressbündel umgehen zu können.
Wie oft passiert es, dass man total blockiert da sitzt, weil man zig Dinge zu erledigen oder zu „denken“ hat, sodass man überhaupt nicht vom Fleck kommt? Und dann merkt man, dass man gerade Zeit verschwendet hat beim „blockiert dasitzen“ und dann ist man gestresster als zuvor…
Unsere Gesellschaft legt immer mehr Wert darauf, dass der Mensch funktioniert. Am besten 24/7 available ist. Wie oft haben doch Professoren den Satz gebracht: „Wenn ich dich um zwei Uhr nachts wecke, musst du diese Formel auswendig wiedergeben können!“. Ja klar, Herr Müller. Was würden Sie um zwei Uhr nachts wiedergeben? „Hä, wo bin ich?“, wäre wohl die einzig normale Antwort. Schule ist ein Vollzeitjob geworden, Freizeitaktivitäten entfernen sich immer mehr vom Vergnügen, werden als „Kurs“ gesehen und nicht als Spaß. Vor allem junge Menschen müssen funktionieren und abliefern. Menschen sind aber keine seelenlosen Roboter, sondern Lebewesen mit Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen und Träumen. Und so sollten sie auch behandelt und geachtet werden. Denn schließlich hat kein Mensch das Recht, dich anzuschreien, wenn du nur deinen Job machst, oder dich mit deinen Problemen und Zweifeln allein zu lassen, wenn der Schulalltag deine ganze Freizeit einnimmt. Lasst uns mehr Mensch sein. Lasst uns Gefühle zeigen. Lasst uns ICH sein. Mit Respekt, Achtung und Verständnis begegnen.
© Sofia Scherer 2025-06-29