Studienzeit

Senta Kral

von Senta Kral

Story

Immer lĂ€nger wurden die tĂ€glichen Lese- und Vorlesezeiten in den Familienerinnerungen. Mutter lebte sichtlich auf und hĂ€tte „das Buch“, wie sie es kurz nannte am liebsten hinauf in ihr Zimmer getragen, um ungestört darin zu lesen. Mit ihrem ungestörten Lesen hatte ich aber schon negative Überraschungen erlebt: zum Beispiel den Versuch, ihre alten Gedichte mit Radiergummi und Kugelschreiber zu ĂŒberarbeiten oder bei Bedarf Seiten zu entfernen. Daher blieb es bei den Lesestunden nach dem FrĂŒhstĂŒck. Außerdem waren ja gerade Sommerferien, und da haben Lehrer viel Zeit! Ich begann also aus dem Jahr 1927 vorzulesen.

Vater schrieb: „Im Herbst zu den AufnahmsprĂŒfungen fuhr ich nach Wien. Hatte mir 1000,- Czechenkronen (ca 200,-S) gegen Verzinsung ausgeborgt, die ich 2 Jahre spĂ€ter mit Zinsen zurĂŒckzahlte. Ich fand ein Zimmer in der Döblinger Hauptstraße um 30 Schilling. Da ich sehr sparen musste, holte ich mir frĂŒh die Milch noch heiß aus der Milchhalle, um mir das WĂ€rmen zu ersparen. Ging in ein Speisehaus in der Nussdorferstraße um 25 Groschen essen, legte alle Wege zu Fuß zurĂŒck, um mir die 18 Groschen fĂŒr die Straßenbahn zu ersparen. Als ich in der Akademie fĂŒr Musik und Darstellende Kunst bei Professor Wunderer vorsprach, war dieser ĂŒber mich nicht sehr erfreut. Ich war ihm zu alt (22Jahre), mein gebrauchtes Instrument gefiel ihm nicht, ich hatte bei meinen GeldverhĂ€ltnissen auch keine Aussicht, mir in absehbarer Zeit ein neues zu kaufen. Sollte mich halt bei der AufnahmeprĂŒfung einfinden. Den PrĂŒfungsbescheid sollte ich schriftlich bekommen. Es verging der ganze September und ich erfuhr nichts. AnlĂ€sslich einer Nachfrage bei Wunderer sagte er mir, dass ich nicht aufgenommen worden sei. Ein ganzer Monat verpatzt, mit den dazugehörigen Geldern, die sich trotz grĂ¶ĂŸter Sparsamkeit verringerten. Ich wechselte in ein billigeres Quartier in der Lederergasse und fragte in anderen Wiener Konservatorien nach. Im neuen Wiener Konservatorium fand ich Aufnahme, brauchte nur die HĂ€lfte des Schulgeldes zu zahlen, ab dem zweiten Monat nur die GebĂŒhren, also Freiplatz! Ich versĂ€umte keine einzige Stunde und machte entsprechende Fortschritte. Spielte noch im selben Schuljahr zur SchlussauffĂŒhrung das Konzert in g-moll von HĂ€ndel fĂŒr Oboe und Orchester.“

Mutter unterbrach mich mit den Worten: „Im Februar 1928 begann ich im gleichen Konservatorium, mich auf die StaatsprĂŒfung fĂŒr Klavier vorzubereiten. So besuchten wir zusammen das Konservatorium und auch je nach Kassastand den Stehplatz in der Oper. Ich wohnte wieder bei Tante Betti in der Pension und hatte ein kleines Einkommen, indem ich die Kinder der Pensionsbesitzer in Klavier unterrichtete und mit ihnen Schulaufgaben machte. Zum Üben hatte ich ein Leihklavier. Es begann eine Zeit des gemeinsamen Studiums. So lernten wir einander gut kennen. Gegen Ende des Studiums ergaben sich öfter gemeinsame Auftritte bei Konzerten fĂŒr Oboe und Klavier. Auch in Kirchen spielten wir gemeinsam, ich an der Orgel. So musizierten wir sehr schön und verstanden uns recht gut. Als Tante Betti im Sommer 1932 ihre Stelle aufgab, um sich in ihren lĂ€ngst verdienten Ruhestand zurĂŒckzuziehen, war fĂŒr uns die Zeit gekommen uns selbstĂ€ndig zu machen. Wir suchten eine Wohnung.

© Senta Kral 2024-09-27

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