von Samuel BĂ€r
Meine kleinen FĂŒĂe stapfen durch die feuchte Wiese.
In dem Dorf liegt noch leichter Nebel ĂŒber den StraĂen und dem Wald. Mein Sportbeutel baumelt hinter dem Schulranzen und schlĂ€gt bei jedem Schritt gegen meine Beine. Auf dem Weg komme ich an einer roten Kirche, dem Friedhof und einem kleinen GeschĂ€ft fĂŒr Haushaltswaren vorbei. Meine Schule ist klein, aus Backstein und hat nur vier Klassen. Markus und sein kleiner Bruder wohnen direkt neben der Schule. Sein Bruder hat einen Gummi-Dinosaurier, auf dem er herumkaut. Markus fĂ€ngt MĂ€use und ertrĂ€nkt sie im Teich seines Gartens. Dort schwimmen immer einige der toten aufgedunsenen FellknĂ€ule. Das Haus ist zerfallen und auch aus Backstein. Ein langes Kabel fĂŒhrt von der Hochspannungsleitung zu ihnen in den Garten und baumelt dort. Ole ist kleiner als ich, ich weiĂ nicht, wo er wohnt. Er nimmt immer den Bus nach Hause. Er hat, wie wir alle, kurzgeschorene Haare. Seine ZĂ€hne fehlen teilweise. Wenn er von Zuhause redet, spricht er von seiner Oma, nie von seinem Papa, nie von seiner Mama. Mit Suleiman verstehe ich mich erst nicht, doch wir werden dicke Freunde. Wenn er etwas sehr gut findet, sagt er immer, dass es âder Knallerâ ist. Auch er hat kurzgeschorene schwarze Haare und ein Mondgesicht. Mein Geburtstag naht. Ich möchte alle einladen, Mama und Papa bestehen darauf, dass ich allen sage, sie sollen keine Geschenke mitbringen. Ich bin etwas unzufrieden damit. Da Ole und Suleiman etwas auĂerhalb wohnen, holen Papa und ich sie ab. Ole wartet mit einer Flasche Cola vor dem Haus seiner Oma. Es ist grau und hat nur eine Etage. Typisch fĂŒr viele der HĂ€user in unserer Gegend. Als wir bei Suleiman ankommen, möchte Ole nicht aussteigen. Das Haus Ă€hnelt einem SchulgebĂ€ude mit zwei Etagen. Sehr viele Menschen wohnen hier. Es riecht nach GewĂŒrzen, die ich nicht kenne. Das GebĂ€ude hat einen langen Flur. Es gibt eine GemeinschaftskĂŒche am Anfang rechts, danach folgen auf beiden Seiten viele Wohnungen mit wenigen Zimmern. Ole kommt doch mit rein und hĂ€lt sich die Nase zu, wĂ€hrend wir da sind. Papa fragt nach Suleiman, wir kennen seinen Nachnamen nicht. Es braucht eine Weile, die richtige TĂŒr zu finden. Die Wohnung ist karg, es lĂ€uft ein Cartoon auf einem Röhrenfernseher. Suleiman sitzt auf einer Matratze auf dem Boden.
Die Geburtstagsfeier ist schön. Wir jagen uns gegenseitig durch die Wohnung. Ich zeige meine Lego Sammlung, meine Hot Wheels und Bionicles. Es gibt Kuchen und Pizza. Am Abend fahren wir alle nach Hause. Ole bittet uns zu warten, falls niemand bei seiner Oma aufmacht. Doch sie öffnet die TĂŒr. Seine Silhouette winkt uns noch einmal, bevor sich die TĂŒr schlieĂt. Markus und sein Bruder klettern ĂŒber einen Gartenzaun und werden von der Nacht verschluckt. Kein einziges Licht brennt dort. Durch ein WaldstĂŒck fahren wir zur letzten Station. Ich verabschiede Suleiman. Er verschwindet in das groĂe GebĂ€ude, dessen GĂ€nge mit Neonröhren unangenehm hell erleuchtet sind. Wenige Monate spĂ€ter wechsel ich die Schule und ein weiteres Jahr spĂ€ter ziehe ich weg. Ich habe ihn noch einmal auf dem Schulweg gesehen. Er hat nicht gelĂ€chelt. Ein flĂŒchtiges Hallo und weg war er.Â
Ich frage mich oft, was du heute machst, Suleiman.
© Samuel BÀr 2024-03-29