Tag Zero

Anna Dieckbreder

von Anna Dieckbreder

Story
2008

„Eines Tages kamst du die Treppe herunter und du warst nicht mehr dieselbe Person, die am Tag vorher ins Bett gegangen ist.“

Ich fühlte nichts.

Alles war verschwommen. Es war Frühling. Die Sonne schien. Ich zog ein blaues T-Shirt an, das ich mir zwei Tage zuvor in der Stadt gekauft hatte. Samstag. Meine Mutter kam vom Einkaufen. Mein Stiefvater bereitete einen Familienbrunch vor. Mein Bruder spielte mit Lego.

Ich fühlte nichts.

Alles war leer und dumpf. Mein Körper war wie abgestorben. Taub. Farben verblassten um mich herum. ‚Etwas stimmt nicht‘, die Stimme in meinem Kopf war laut. Wahrscheinlich hätte sie mich beunruhigen sollen. Es war mir egal.

Ich fühlte nichts.

In der Sekunde, in der mich jemand ansprach, wollte ich nur weg. Ich lief in mein Zimmer. Tür zu. Ruhe. Niemanden sehen. ‚Etwas stimmt nicht!‘, der Gedanke an Gesellschaft schnürte mir die Kehle zu. Nein. Ruhe. Alle weg. Niemanden sehen. Niemanden sprechen.

Ich fühlte nichts.

Ein Grauschleier lag auf meinen Augen. Meine Seele war schwer. ‚ETWAS STIMMT NICHT!‘, die Stimme in meinem Kopf klang verzweifelt. Ich saß einfach nur da. Saß auf meinem Bett, das ich nicht gemacht hatte. Mein Zimmer war unordentlich. Das würde Ärger geben. Es war mir egal.

Ich fühlte nichts.

Mein Bruder begann, wie sonst in meinem Zimmer zu spielen. Ich schmiss ihn raus. Er war traurig. Verstand die Welt nicht mehr. Seine Legosteine waren zu laut. Ruhe. Allein sein. Niemanden sehen. Niemanden sprechen.

Ich fühlte nichts.

Das Gefühl blieb. Es war hartnäckig. Meine Eltern waren verwirrt. Ich sprach nicht mit ihnen. Wollte allein sein. Zog mich in mein Zimmer zurück. Wollte niemanden sehen. Wollte niemanden sprechen. Mein Bruder durfte lange nicht mehr zu mir. Ich ertrug seine Anwesenheit nicht. Niemandes Anwesenheit.

Ich erinnere mich, dass ich 13 Jahre alt war als meine neue Zeitrechnung begann. Tag Zero: es gab ein „davor“ und es gibt ein „seitdem“. Nach einiger Zeit kamen die Farben zurück, doch sie verblassten immer wieder. Die guten Tage nahmen ab. ‚ETWAS STIMMT NICHT!‘, in meinen klaren Momenten versuchte ich, herauszufinden, worauf die Stimme in meinem Kopf mich aufmerksam machen wollte. Die klaren Momente waren kurz und die Überforderung war groß. Es sollte dauern, bis ich 28 Jahre alt war, um das Rätsel zu lösen.

Mein Kopf ist jetzt klar.

© Anna Dieckbreder 2024-05-28

Buchkategorie
Romane & Erzählungen, Biografien
Stimmung
Dunkel, Emotional, Reflektierend
Hashtags