Tage des Schriftstellers: Das Post-It – Drama

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Ich hatte beschlossen, Ordnung in mein chaotisches Manuskript zu bringen. Jede Idee, jeder Plot-Twist, jede noch so kleine Inspiration sollte ihren Platz bekommen – und zwar sichtbar. Mein Werkzeug: Post-its. Bunt, leuchtend, nach Farben sortiert. Grün für Charaktere, Gelb für Wendungen, Pink für »oh, das könnte später relevant sein«.

Zunächst lief alles gut. Ich klebte, ordnete, kritzelte Notizen auf die kleinen Quadrate. Ernest, mein stoischer Kaktus, stand auf dem Fensterbrett und beobachtete mich wie ein stummer Wachhund. »Sieht aus wie ein buntes Spinnennetz, Ernest«, grummelte ich, »aber es wird funktionieren.« Ernest schwieg – wie immer.

Die ersten 50 Post-its waren harmlos. Dann 100. Dann 200. Ich klebte sie an die Wände, den Schreibtisch, sogar an die Lampe über mir. »Max würde sagen: Du bist verrückt«, murmelte ich, während ich eine weitere Idee auf Pink kritzelte.

Und dann passierte das Erwartete. Ich verlor den Überblick. Die Wände waren ein einziges Chaos aus Farben, Pfeilen und kryptischen Notizen. Ich wollte eine Figur verschieben, griff nach einem Post-it – und versehentlich fiel ein ganzer Stapel zu Boden. Ich bückte mich, um sie aufzuheben – und trat gegen den Stuhl. Ein lautes Krachen. Ernest starrte entsetzt.

»Ich … ich glaube, ich bin gefangen«, flüsterte ich. Ich stand mittendrin, umgeben von einem Meer aus klebendem Papier, so dicht, dass ich kaum die Tür sehen konnte. Meine geplante Plot-Ordnung war dahin. Wendungen waren vermischt, Charaktere auf falschen Post-its gelandet. Selbst ich verstand meine eigene Story nicht mehr.

Da klingelte es an der Tür. Ich rief um Hilfe. 

»Alles okay bei dir?«, fragte Max zurück. Man gut, dass er den Ersatzschlüssel dabei hatte.

»Nein!«, stöhnte ich, »ich bin in einem Post-it-Dschungel gefangen. Mein Plot ist kollabiert.«
»Das klingt nach dem chaotischsten Brainstorming aller Zeiten. Fotos?«
»Vielleicht später. Wenn ich überlebe.«

Ich setzte mich auf den Boden, Ernest neben mir, und begann, die Post-its wieder zu sortieren. Schritt für Schritt, Farbe für Farbe, Pfeil für Pfeil. Immer wieder kicherte ich über meine eigene Besessenheit.

Am Ende hatte ich nicht nur die Post-its halbwegs geordnet, sondern auch neue Ideen entdeckt, die ich vorher übersehen hatte. Ernest stach anerkennend in die Luft.

Ich lehnte mich zurück und seufzte. »Vielleicht ist das Chaos manchmal genau das, was man braucht.«

© Kreative-Schreibwelt 2026-01-21

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Inspirierend
Hashtags