Ich hatte alles vorbereitet. Kaffee? Check. Laptop geladen? Check. Motivation? Na ja … ausreichend.
Die Szene war klar: Zwei Figuren, ein intensives Gespräch, ein Wendepunkt. Danach sollte die Handlung endlich Fahrt aufnehmen. Es war quasi der Moment, auf den ich seit Tagen hinarbeitete. Ich setzte mich, knackte mit den Fingern und begann zu schreiben.
»Wir müssen reden«, sagte sie.
»Das tun wir doch schon die ganze Zeit«, erwiderte er.
Gut. Solider Einstieg. Ich nickte zufrieden und tippte weiter.
»Nein, ich meine wirklich reden.«
»Und was glaubst du, was wir gerade tun? Gedanken tanzen?«
Ich hielt kurz inne. Hm. Leicht sarkastisch, aber okay. Passte zu ihm. Ich schrieb weiter.
Zehn Minuten später redeten sie immer noch. Zwanzig Minuten später … immer noch. Nach einer halben Stunde hatte ich das Gefühl, ich saß in einem Gespräch fest, das weder ich noch meine Figuren beenden wollten. Ich scrollte nach oben. Las die Szene. Sie war gut. Wirklich. Emotional, lebendig, voller Spannung. Aber … sie hörte einfach nicht auf. »Vielleicht brauchen sie das?«, fragte ich mich selbst. Ernest stand auf der Fensterbank und sah aus, als hätte er innerlich schon längst aufgegeben. Ich beugte mich wieder vor. »Okay, jetzt kommt der Punkt.«
Ich schrieb: »Also gut«, sagte sie schließlich. »Ich denke, wir haben alles gesagt.« Perfekt. Ende. Abschluss. Fertig.
»Nein«, sagte er. Ich starrte auf den Bildschirm. »Nein«? Ich hatte das geschrieben. Ich selbst. Warum? Ich versuchte es nochmal.
»Doch«, sagte sie bestimmt. »Das war’s.«
»Das war’s nie«, erwiderte er ruhig.
Ich ließ die Hände sinken. »Warum seid ihr so?«, fragte ich leise. Die Figuren antworteten nicht. Natürlich nicht. Stattdessen warteten sie einfach … darauf, dass ich weiterschrieb. Ich tat es. Eine Stunde später war ich tiefer in diesem Gespräch gefangen als meine Figuren selbst. Sie diskutierten über Vergangenheit, Zukunft, Gefühle, Entscheidungen – sogar über Dinge, die ursprünglich gar nichts mit der Szene zu tun hatten. »Das ist kein Dialog mehr«, stöhnte ich. »Das ist eine Therapie-Sitzung.«
Ich atmete tief ein. Dann schrieb ich: »Vielleicht müssen wir nicht alles klären«, sagte sie leise. »Vielleicht reicht es, dass wir es versucht haben.« Stille. Ich wartete.
Meine Finger schwebten über der Tastatur. Keine Antwort. Ich blinzelte.
»Er?«, flüsterte ich. Nichts. Ich las die Szene. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Jetzt war sie fertig. Ich lehnte mich zurück und sah zu Ernest. »Ich glaube, ich habe gewonnen.«
© Kreative-Schreibwelt 2026-06-10