Es war Sarahs Idee. Was schon ein schlechtes Omen war, denn Sarahs Ideen hatten die Tendenz, entweder genial oder potenziell lebensgefährlich für mein Ego zu sein. »Los, lies was vor«, meinte sie, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Ich hingegen war mental noch damit beschäftigt, meinen Puls unterhalb der Alarmstufe »Kolibri auf Espresso« zu halten.
Wir saßen in einem stickigen Raum, der laut Aushang »Schreibwerkstatt« hieß, aber eher den Charme eines alten Klassenzimmers versprühte, in dem man früher Gedichte auswendig lernen musste.
»Ich bin nicht vorbereitet«, flüsterte ich Sarah zu.
»Blödsinn«, sagte sie. »Du bist immer vorbereitet. Und wenn nicht, improvisierst du halt.« Das war exakt die Art von Vertrauen, die ich nicht verdient hatte. Widerwillig öffnete ich meinen Laptop. Ich suchte die Datei, die ich am Morgen noch überarbeitet hatte – mein einigermaßen vorzeigbares Kapitel. Während ich scrollte, spürte ich Sarahs Blick neben mir, warm, aufmunternd, völlig ahnungslos.
»Okay«, sagte die Workshop-Leiterin. »Wer möchte beginnen?« Sarah rammte sofort ihren Ellenbogen in meine Seite. Ich hob die Hand, automatisch, körperlicher Reflex. Warum war mein Körper so gegen mich? Also stand ich auf. Ich räusperte mich. Ich atmete tief ein. Ich begann zu lesen.
Nach dem dritten Satz wurde es unruhig im Raum. Nach dem fünften Satz sah ich die ersten schiefen Blicke. Nach dem siebten Satz verzog ein älterer Teilnehmer das Gesicht, als hätte ich ihm ein Stück Zitrone ins Herz gerammt. Ich verstand nicht, warum – bis ich meine eigenen Worte wirklich hörte. »… und dann‹, sagte Lysandra, ›Wenn du noch einmal diese lächerlichen Lederhosen erwähnst, teleportiere ich dich persönlich in den Bienenstock des Verderbens!‹« Das stand definitiv nicht im finalen Kapitel. Das war … oh nein. Das war mein Trash Draft. Ich stoppte mitten im Satz. »Ähm … Ich glaube, ich … äh … habe das falsche Dokument erwischt.« Stille. Dann ein paar verhaltene Lacher. Und dann – zu meinem Entsetzen – Applaus.
»Das war herrlich absurd!«, rief jemand.
»Mutig!«, sagte eine andere.
Sarah grinste breit. »Ich wusste, du hast’s drauf.«
»Das … war nicht geplant«, stöhnte ich.
»Gerade deshalb war’s gut«, meinte sie.
Als ich mich wieder setzte, versuchte ich nicht darüber nachzudenken, dass mein literarischer Bodensatz jetzt offizielles Workshop-Material war.
Max, dachte ich später zu Hause, hätte bestimmt gesagt: »Siehst du? Authentizität.« Oder auch: »Du solltest öfter peinliche Dinge tun, das steht dir.«
Ich beschloss, ihm das nicht zu erzählen. Er hätte zu viel Spaß daran gehabt.
© Kreative-Schreibwelt 2026-05-13