Ich hatte mir geschworen, nur kurz eine Pause zu machen.
Nur fünf Minuten. Vielleicht zehn. Einfach einmal aufstehen, den Kopf durchlüften, nicht mehr auf den Bildschirm starren, der mich inzwischen so vorwurfsvoll anblickte, als hätte ich ihm persönlich versprochen, heute ein Meisterwerk zu liefern.
»Ich bin gleich wieder da«, sagte ich entschlossen und sah zu Ernest hinüber. Er reagierte nicht. Klassisch.
Ich stand auf, streckte mich, schnappte mir mein Handy – nur um kurz auf die Uhr zu schauen – und fand mich zwei Minuten später in der Küche wieder. Kaffee. Klar. Kreativer Treibstoff. Unverzichtbar.
Während die Maschine lief, dachte ich über meine Szene nach. Große Emotionen. Dramatischer Konflikt. Das würde gut werden. Richtig gut sogar. Dann vibrierte mein Handy. Max hatte mir ein Video geschickt. »Musste an dich denken 😂« Ich hätte es ignorieren sollen. Wirklich. Ich tat es nicht.
Fünf Minuten später wusste ich, wie man aus einem Toaster ein Aquarium baute. Zehn Minuten später hatte ich eine Liste mit Dingen, die ich irgendwann mal ausprobieren wollte. Zwanzig Minuten später hatte ich vergessen, warum ich überhaupt in der Küche stand.
»Du wolltest schreiben«, meinte ich zu mir selbst.
Ernest stand immer noch auf der Fensterbank, als ich zurückkam. Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch, nahm einen Schluck Kaffee, öffnete mein Dokument … und nichts. Leere. Also nicht im Dokument. Da war Text. Mein Text. Aber in meinem Kopf? Komplett leer.
»Okay«, versuchte ich mich zu sammeln. »Wo war ich?« Ich las den letzten Absatz. Dann nochmal. Und nochmal. Ich verstand die Worte. Wirklich. Aber sie fühlten sich an wie ein Gespräch, bei dem ich zu spät gekommen war. »Wer ist diese Figur nochmal?« Ich hatte sie selbst erschaffen. Vor … einer Stunde? Ich scrollte nach oben. Las mehr. Versuchte, wieder reinzukommen. Aber es war, als hätte jemand die Verbindung gekappt. Die Stimmung war weg. Die Spannung weg. Ich war plötzlich nur noch Leser meines eigenen Textes – und ein ziemlich verwirrter noch dazu.
Ich lehnte mich zurück und seufzte. »Das waren keine fünf Minuten.« Ernest schwieg. Aber ich war mir sicher, er wusste es.
Ich griff wieder zum Handy. Vielleicht nur kurz … Ich legte es sofort wieder weg. Ich hatte gelernt. Ein bisschen zumindest. Stattdessen tippte ich einen neuen Satz. Irgendwas. Egal was. »Er wusste nicht mehr, wie er hierhergekommen war.« Ich hielt inne. Das passte erschreckend gut. Weiter ging’s. Stück für Stück. Nach einer Weile war ich wieder drin. Nicht perfekt, nicht elegant – aber drin.
Ich lehnte mich zurück und sah zu Ernest. »Keine Pausen mehr.« Er sah aus wie jemand, der mir nicht glaubte. Ehrlich gesagt … tat ich das auch nicht.
© Kreative-Schreibwelt 2026-05-27