Tage des Schriftstellers: Drucker-Exorzismus

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Mein Drucker und ich hatten eine komplizierte Beziehung, aber an diesem Tag verwandelte er sich endgültig in ein poltergeistbesessenes Monstrum aus Plastik und Trotz. Ich wollte nur mein Manuskript ausdrucken, um endlich Struktur in die 200 Seiten Chaos zu bringen, die ich seit Wochen vor mir herschob. Ein harmloses Vorhaben. Ein friedlicher Nachmittag. Doch mein Drucker hatte offensichtlich andere Pläne.

Kaum drückte ich auf »Drucken«, begann das Gerät zu röcheln wie ein asthmatischer Drache. Dann spuckte es die ersten Seiten aus – Seite 47. Danach Seite 2. Dann Seite 198. Anschließend Seite 73, aber zweimal und beide Male geknautscht, als hätte jemand heimlich darauf gesessen. Ich schaute ungläubig zu, während der Papierauswurf immer schneller wurde, bis die Blätter in einem wütenden Schneesturm über meinen Schreibtisch wirbelten.

»Ernest«, sagte ich und sah zum Kaktus hinüber, »glaubst du, er versucht, mit uns zu kommunizieren?« Er sah mich wie immer reglos an. Ich interpretierte sein Schweigen als: Alter, dein Drucker braucht einen Exorzisten.

Ich hob eine Seite vom Boden auf. Seite 131. Darunter: Seite 5. Dann ein Blatt ohne Nummer, nur mit einem halben Satz, der mitten im Wort endete. Das war nicht nur ein technischer Fehler – das war Absicht. Der Drucker versuchte, mich fertigzumachen.

Ich seufzte und probierte den klassischen Trick: ausschalten, warten, wieder einschalten. Der Drucker startete neu, machte zwei Geräusche, die klangen wie belustigtes Kichern, und druckte dann – ich schwöre es – Seite 112. Nur Seite 112. Ganz alleine. Wie ein Statement.

Ich hob sie auf, las den Absatz und stellte fest, dass ausgerechnet auf dieser Seite meine Protagonistin laut über ihr zerfallendes Leben philosophierte. Sehr subtil. Sehr wenig hilfreich.

Überall verstreute Seiten. Und … da wurde es mir klar. Es sah aus wie ein spontaner Plot-Shuffle. Ein verwirrend guter. Einige Szenen wirkten interessanter, wenn man sie in dieser absurden Reihenfolge betrachtete. Ich setzte mich hin, sortierte neu – nicht nach Seitenzahl, sondern nach Bauchgefühl. Es ergab … Sinn. Erschreckend viel Sinn.

Ich sah den Drucker an. »Wenn du jetzt auch noch anfängst, Dialoge vorzuschlagen, musst du Miete zahlen.«

Er gab ein zufriedenes Surren von sich.

Vielleicht brauchte ich keinen Exorzismus. Vielleicht brauchte ich einfach nur einen Drucker mit Charakter.


© Kreative-Schreibwelt 2026-04-15

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Inspirierend
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