von Heidi Reiter
Elf Tage sind wir jetzt schon unterwegs, wir durchqueren mit unserem Reisebus fast halb Rajasthan, eine Region im Norden Indiens, die von 70 Millionen Menschen bewohnt wird und bekannt ist für seine königlichen Paläste und Festungen, die sich fast über ganz Rajasthan erstrecken. Obwohl wir wunderschöne Tempelanlagen, Festungen und Maharadscha Paläste sehen, kann ich den Tag X kaum mehr erwarten, nämlich den Tag, an dem wir das Taj Mahal in Agra besichtigen werden. Nur noch einmal schlafen, dann ist es so weit, es geht los in Richtung Agra und dem weltberühmten Taj Mahal. Der Bus parkt im Außenbereich und wir gehen bei 38 Grad Hitze und einer Luftfeuchtigkeit von 85 % gefühlte 15 Minuten durch eine riesengroße parkähnliche Anlage. Unsere Gruppe muss nur noch das Eintritts – Prozedere absolvieren und dann ist es so weit, ich gehe durch ein letztes Tor und plötzlich sehe ich es von weitem, einen kolossalen Bau, aus weißem Marmor gemeißelt und so wunderschön, dass mir fast die Tränen kommen, so berührt bin ich. Ich erinnere mich an die poetische Beschreibung des Dichters Tagore, der geschrieben hat, dass das Taj Mahal eine Träne auf der Wange der Zeit ist. Ich bin fasziniert von diesem wunderschönen Marmor, der immer noch ganz weiß ist, und tauche ein in die Geschichte vom Großmogul Shah Jahan, der dieses Monument 1631 für seine Frau Mumtaz Mahal erbauen ließ. Obwohl er mit mehreren Frauen verheiratet war, gab es für ihn nur diese eine, sie durfte ihn sogar auf seinen Reisen begleiten und war seine engste Beraterin, die beiden waren ein Herz und eine Seele. Bei der Geburt ihres 14. Kindes stirbt Mumtaz Mahal und der Großmogul will ohne seine geliebte Frau nicht mehr weiterleben. Er entschied sich jedoch, ihr ein Mausoleum zu bauen, das es auf der Welt in dieser Schönheit nur einmal geben sollte, das Taj Mahal. Ich finde diese innige Liebe so schön, dass ich mich dabei ertappe, Vergleiche mit unseren männlichen Pendants von heute anzustellen und frage mich, welcher Mann würde einem so eine Grabstätte bauen. Nein, ich glaube, diese Männer sind wirklich schon ausgestorben oder eine ganz spezielle Spezies, die es nur noch marginal gibt. Man kann heutzutage schon froh sein, wenn man beim ersten Date nicht auch noch das Getränk selbst zahlen oder vielleicht auch noch das Vis á Vis einladen muss, da dieser ein zerstreuter Professor ist und seine Bankomatkarte zu Hause vergessen hat. Die Scheidungsrate in Europa möchte ich erst gar nicht erwähnen, denn es ist mittlerweile schon Usus, sich bei den kleinsten Problemen gleich wieder zu trennen. Aber ich denke, unsere Herren der Schöpfung haben aufgrund von Social Media und unzähliger, täglicher Informationen nicht mehr die Möglichkeit, sich nur auf eine Sache zu fokussieren, denn mit diesen Problemen der Menschheit war der Großmogul sicher noch nicht belastet. Ich schiebe meine Gedanken beiseite und bin wieder ganz präsent, mache die Augen zu und denke mir, vielleicht gibt es ihn ja doch, diesen einen Mann, der mir als letzte Ruhestätte ein Mausoleum baut, aber als ich meine Augen wieder öffne, weiß ich, dieses wunderschöne Zeichen der Liebe ist einzigartig und so soll es auch bleiben. Auf jeden Fall ist es schön zu wissen, dass die zwei am Ende ihrer Tage wieder vereint wurden und die Geschichte von 1001 Nacht letztendlich ein Happy End gefunden hat. Eure Cleo !
© Heidi Reiter 2025-10-12