Tetris, Nepali Style

Michael Pommer

von Michael Pommer

Story

16.Februar, 2018. Tibetisches Neujahr. Als Aufsichtsperson der Kinder durfte ich an den Feierlichkeiten in Bhaktapur teilnehmen. Doch jetzt steht die Heimreise an. Der Großteil ist bereits aufgebrochen, nur die Kleinen und ich warten noch. Mit einer 30-minütigen Verspätung biegt endlich ein Kleinbus um die Kurve.

Er hält vor meinen Füßen. Es ist ein ziemlich kleiner Kleinbus. Mit einem „Another bus is coming, right?“ wende ich mich an den Fahrer. Ich kenne die Antwort bereits, will sie aber nicht wahrhaben. „No, only this one!“, bestätigt dann auch er. Es ist ein 9-Sitzer. Und wir sind 26. 25 kleine, süße Giftzwergnonnen und ich. Allesamt sind wir müde. Nima Sangmo schläft bereits auf meinem Rücken. Auch wenn es zwickt, ist sie mir als Kleinste gerade am liebsten.

Na gut. 3 Stunden dauert die Fahrt zurück zum Kloster. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch noch meistern würden. „EVERYONE, LET‘S HOP ON THE BUS!“, übernehme ich mit gespielter Zuversicht das Kommando. Ganz nach dem Motto „Fake it till you make it“.

Nach dem 17. Ausruf nimmt auch Buti mich endlich wahr. In der Zwischenzeit ist das Tetris Spielen bereits voll im Gange. Eines ist klar: In Nepal hat man Erfahrung mit überfüllten Bussen. Die „Hausbank“ ist schon besetzt. 3 Sitze, 10 Nonnen. 5 nebeneinander, 3 auf deren Schößen und 2 wie U-Hakerl über den Beinen der anderen. Ähnlich sieht die 2. Reihe aus. Nur ist es hier, statt 2 U-Hakerl, 1 Querbalken auf den Schößen von den 3 Nonnen, die bereits auf den Schößen anderer 5 sitzen.

Mit mir bleiben also noch 7. Und 2 Sitze. Ausreichend. 3 nehmen auf mir Platz und 3 quetschen sich zwischen mich und das Fenster. In letzter Zeit kommt es öfter vor, dass ich meine 1,89 nicht als Vorteil sehe. Meist im Dunkeln, wenn ich feststellen muss, dass Türrahmen hier bloß 1,80 hoch sind. Jetzt gerade ist wieder so ein Moment. Doch es kann losgehen.

Die erste Stunde verläuft ohne Aufregungen, dann aber kommt Getuschel aus der letzten Reihe. „Mical Sir, Karuna is sick. Bag, please!“ Damit wird ein Stein losgetreten. Der gesamte Bus wird wach. „Me too, Mical Sir“ , ruft Aruna. „Yeah, me too“, bringt sich auch noch Buti ein. „I want to sit at the window !“ „No, I want to sit at the window“ . Da sitzt allerdings schon Sangey und übergibt sich.

Ich deute dem Fahrer an zu halten, steige aus und werde laut. „Listen! We are all tired. Let’s keep it together. Buti, Karuna and Aruna, here is a bag! Sangey, get out and let it all out. Everyone else. Do me a favor, and please keep it down.“ Kurze Pause. Und dann geschieht etwas Eigenartiges. Sie scheinen mich zu verstehen und … sie folgen mir!

„Geht doch”, seufze ich erleichtert, als ich vollkommen übermüdet ins Bett falle. Kakerlaken, die auf die Dunkelheit warteten und nun aus ihren Verstecken hervorkriechen, scheinen es zu hören, aber misszuverstehen. Sie deuten den sofortigen Rückzug an. „Nein, so meinte ich es nicht! Heute nicht!“ Sie verschwinden dennoch. Egal. Wirklich alles ist egal. Einfach nur schlafen…

© Michael Pommer 2021-05-11