Tiefe Verbundenheit

Wibke Geers

von Wibke Geers

Story

Seit wir zu Dritt sind, haben mein Mann und ich je einen festen, Baby-freien Abend pro Woche. Heute ist mein Abend. Ich gehe mit Kristina, einer engen Freundin, eine Pizza essen. Ich freue mich riesig, denn seit der Geburt vor drei Monaten haben wir uns nicht getroffen. Als ich sie sehe, geht ein Strahlen ĂĽber mein Gesicht und ich falle ihr in die Arme. Zur Geburt schenkt sie mir eine Tasse mit „You Rock“ und eine Karte, deren Worte mich zu Tränen rĂĽhren – weil sie so passend sind, weil wir uns so gut kennen. Zwischen uns ist es wie immer. Ich fĂĽhle mich wohl, kann die Wärme unserer Freundschaft förmlich spĂĽren. Wir fĂĽhren tolle Gespräche und als ich abends nach Hause komme, bin ich richtig glĂĽcklich. Sogar die MĂĽdigkeit, die mich wegen unseres Babys derzeit häufiger begleitet, ist verflogen.

Soziale Beziehungen sind ein menschliches Grundbedürfnis. Es geht um Familie, Freundschaft, Gemeinschaft. Es geht darum, sich gegenseitig zu unterstützen, sich auszutauschen, aufmerksam zuzuhören, sich zu umarmen, Vertrauen zu schenken, sich zu lieben [42]. Viele Menschen verbringen daher auch ihre Freizeit in Gesellschaft, um gemeinsame Erinnerungen zu schaffen, zusammen zu lachen, sich in Ruhe zu unterhalten [43]. Ich finde, dass wir sowohl mit Menschen, zu denen wir ein enges Verhältnis haben, als auch mit solchen, die wir nur oberflächlich kennen, all das können. Da keine meiner Freund:innen in der Nähe in Elternzeit ist, verbringe ich häufiger Zeit mit Mamis, die ich beim Schwangerschaftsyoga oder im Rückbildungskurs kennengelernt habe. Ich zähle sie nicht zu meinen engen Kontakten, aber ich fühle mich verbunden, als Teil eines neuen sozialen Netzwerkes. Dass auch flüchtige Bekanntschaften wertvoll für unser Wohlbefinden sind, ist mittlerweile bewiesen. Die längste Studie über ein erfülltes Leben kommt zu folgender Erkenntnis: Es geht nicht nur darum, wie viele Freund:innen wir haben und ob wir in einer Partnerschaft leben. Auf die Qualität unserer engen Beziehungen kommt es an. Tiefe Verbundenheit ist der Faktor, der uns glücklich macht, der uns sogar länger leben lässt, der unser Gedächtnis auch im Alter aktiv hält [44].

Denke einmal an einen geliebten Menschen: Was fühlst du? Lege dieses Buch einen Moment zur Seite und nimm deine Emotionen bewusst wahr. Spürst du vielleicht eine angenehme Wärme in dir aufsteigen, die dir Geborgenheit gibt? Hast du plötzlich ein leichtes Lächeln auf den Lippen? Empfindest du eine tiefe Dankbarkeit für eure Freundschaft? All das ist möglich, weil allein der Gedanke an einen Herzensmenschen Hormone und andere Botenstoffe ausschütten kann [45]. Mit Menschen, die solch eine starke Reaktion in uns auslösen, sollten wir mehr Zeit verbringen! Doch wie viel Zeit verbringen wir wirklich zusammen? Uns fehlt schlichtweg die Kapazität, wenn wir uns mit viel zu vielen Kontakten treffen. Und wir verschenken Möglichkeiten, wenn wir aus Bequemlichkeit daheim bleiben und in Sprachnachrichten bei WhatsApp investieren.

Freizeit fühlt sich für mich frei an, wenn ich sie mit den Menschen verbringe, die mich aufblühen lassen, statt mir Energie zu ziehen. Bei denen ich mich ohne Angst verletzlich zeigen, meine wahren Gefühle preisgeben und auf die ich in schwierigen Zeiten zählen kann. Nehmen wir uns die Zeit, unsere Beziehungen zu reflektieren, wird uns bewusst, mit welchen Menschen wir uns tief verbunden fühlen. Und zu welchen wir unsere Bindung stärken möchten.

© Wibke Geers 2025-10-16

Genres
Lebenshilfe
Stimmung
Emotional, Informativ, Inspirierend, Reflektierend
Hashtags