„Eines schönen Tages bemerkten die Gäste im Wirtshaus meiner Großmutter, dass einer der Stammgäste schon seit einigen Tagen ausgeblieben war. Alle waren verwundert. Schließlich wurde, wie in ähnlichen Angelegenheiten, der Oberförster Gustl Wolf befragt. Er besaß gewisse wahrsagerische oder mediale Fähigkeiten und verfügte über viel Lebenserfahrung, auch aus seinen Kriegsjahren. Er sagte: ‚I glaub‘, den hat der Herrgott mit’m Lasso g’fangt!‘ Daraufhin startete eine Suchaktion von einigen Feuerwehrmännern der Freiwilligen Feuerwehr, die an jenem Tag nicht zur Arbeit mussten. Einige Zeit später kam dann im Gasthaus die Kunde: ‚Der Emmi hat sich auf der Kohlerhöh‘, auf einer Föhre aufg’hängt!‘ Und man brachte den Toten auf dem Feuerwehrauto, einem rot gestrichenen amerikanischen Dodge, einem ehemaligen Militäreinsatzwagen der Besatzungszeit, ins Wirtshaus.
Anwesende Kinder, die man vor diesem Anblick schützen wollte, wurden auf den Dachboden geschickt.“, erzählt Christian. Auch er begab sich also, mit seinen Spielgefährtinnen, in der allgemeinen Aufregung auf den Dachboden.
„Natürlich waren wir Kinder sehr, sehr neugierig: Wer von uns hatte schon einen ‚echten Toten‘ gesehen? Und so drängten wir uns zur Dachbodenluke, um den Erhängten zu sehen. Ich war vorne dabei …Diesen Anblick werde ich nie vergessen: Emmi lag auf der Ladefläche des Doge, auf Stroh gebettet und nackt. Sein Anblick war entsetzlich und soll hier nicht näher wiedergegeben werden. Jedenfalls war er bereits einige Tage im heißen August an jenem Baum gehangen … Wir Kinder, die wir verbotenerweise den blanken, grausigen Tod erblickt hatten, behielten das für uns und widmeten uns, nachdem uns gestattet war, den Dachboden wieder zu verlassen, sofort wieder unseren wilden Spielen.
Emmi war ein unehelicher Sohn aus dem Mottingeramt, Alkoholiker und Junggeselle. Er wurde bis zur Beerdigung im Extrazimmer des Wirtshauses, in dem sonst Gemeinderatssitzungen und Wahlen abgehalten wurden, aufgebahrt. In dieser Zeit ersuchte meine Großmutter die Gäste im Gasthaus, sich ruhiger als sonst zu verhalten.“
© Roswitha Springschitz 2026-04-15