Tourismus

Roswitha Springschitz

von Roswitha Springschitz

Story

Christian berichtet: „Auch der sogenannte Tourismus erlebte in dieser Zeit, also in den 60er Jahren, einen Aufschwung, der bis dato nie wieder erreicht wurde. Durch das in Senftenberg erbaute Kurzentrum von Dr. Otto Nuhr kamen viele Gäste in die Region. Es gab ein großes Angebot an Gasthäusern, Beherbergungsbetrieben und Heurigenlokalen, die voll ausgelastet waren. Aufgrund der großen Nachfrage boten zudem private Hausbesitzer Zimmer an. Außer den Kurgästen kamen auch sehr viele Sommerfrischler ins Kremstal, hauptsächlich aus Wien. (Es gab damals ja noch keine Pauschalreisen und Billigflüge.)

Auch meine Mutter vermietete in unserem neu erbauten Einfamilienhaus im unteren Stockwerk ein Zimmer an Feriengäste. Da sie, wie bereits erwähnt, aus Deutschland stammte, waren bei uns oft Verwandte und Bekannte aus ihrer Heimat und aus Köln, wo ihre Schwester lebte, zu Besuch. Meine Großmutter Maria, die Gastwirtin, unterschied die Gäste, gemäß ihrem Auftreten und Erscheinungsbild, in Kurgäste und ‚Halbschuhtouristen‘.“

Besonders in Erinnerung ist Christian in diesem Zusammenhang die Pilzsuche: „Wir Kinder waren ja ständig im Wald unterwegs, spielten Indianer und kannten alle Plätze, an denen es Schwammerl oder Steinpilze gab. Die auswärtigen Gäste durchstreiften zwar den Wald auf der Suche nach den begehrten Steinpilzen, fanden aber keine. So kauften sie mir dann im Wirtshaus die von mir gesammelten Pilze ab und fuhren mit ‚großer Beute‘ nach Wien. Als Kind sammelte und verkaufte ich nicht nur Schwammerl und Pilze, sondern auch, im Frühling, Sträuße mit Schneeglöckchen, an Vorbeifahrende. Auch fungierte ich, mit zwei Freunden, in der als Beherbergungsbetrieb vermieteten Villa auf der Königsalm bei Kurwechsel als Kofferträger und kassierte Trinkgeld in D-Mark. (Die Kurgäste bezahlten nämlich in Deutscher Mark, sodass teilweise deutsche Währung im Tal kursierte.) Von diesen Einnahmen und meinem Ersparten konnte ich mir schließlich ein gebrauchtes Rennrad kaufen.

Der Wald war nicht nur für mich eine Verdienstquelle. Ein Gast des Wirtshauses, Johann Maier, genannt ‚Blumenmaier‘ oder ‚Blemelmoar‘ hatte die Erlaubnis von der Bezirkshauptmannschaft, ‚Waldproduktenhändler‘ zu sein, also Blumen, Schwammerl und Beeren aus dem Wald zu verkaufen. Seine Frau Hedwig bot diese am Markt feil und gönnte sich anschließend im Wirtshaus einen Kaffee; dazu rauchte sie Austria 3-Zigaretten. Dann gab es den Jäger Oskar Schmid, der in nur einer Nacht 20 Wildschweine erlegt hatte…Das wurde jedenfalls im Wirtshaus erzählt. Klatsch und Tratsch gab es im Wirtshaus genug. Die Leute suchten es auch auf, um Neues zu erfahren: Es war also ein Umschlagplatz für alle Neuigkeiten und natürlich auch Fake News, nach der Devise: ‚Im Wirtshaus erfährst‘ bei an Glas Wei‘ mehr als wie daham, bei a’m Schaffl Wasser:‘.“

© Roswitha Springschitz 2026-04-25

Buchkategorie
Biografien
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