von Karin Sieder
Ich spielte Karten mit meinen Kindern. Ein gemütlicher Sonntagnachmittag. Es gab nur eine kleine Eintrübung: Überall waren Schnecken. Braune Nacktschnecken. Auf dem Tisch. Unter dem Tisch. Auf meinen Spielkarten. Über meine Hand kriechend. An meinem Bein zog sich eine hoch. Einfach überall. Mich gruselte es über und über.
Schweißgebadet wurde ich wach. Am Morgen gruselte es mich noch immer. Denn, wenn ich etwas wirklich nicht mag, dann sind das braune Nacktschnecken, die sich überall einnisten und hartnäckig immer wieder kommen. Auch die Nähe meines Gemüsegartens zum vorbeifließenden Bach erleichtert es dem Getier. Ständig grabe ich irgendwo ein Gelege mit den kleinen weißen Kugelchen aus.
Dennoch fragt sich natürlich der Hobbypsychologe in mir, was dieser Traum zu bedeuten hat? Traumdeutung gibt es schon mehrere tausend Jahre. Sigmund Freud und Carl Gustav Jung haben im letzten Jahrhundert aufgezeigt, dass wir im Schlaf Unterbewusstes aufarbeiten. Soll ich nicht mehr Karten spielen, sondern mich um etwas anderes kümmern? Möchte sich bei mir jemand einschleimen? Oder ist es einfach ein Hilfeschrei aus dem Gemüsegarten, dass ich die Schnecken entfernen soll? (Obwohl ich wirklich tierliebend bin, fallen Schnecken bei mir nicht unter die Kategorie „Schützenswerte Tiere“.)
Ich hole mir ein schlaues Buch und schlage nach. Schnecken wurden im Mittelalter gerne in Gemälden als Symbol der Jungfräulichkeit und der Auferstehung verewigt. Bei der allgemeinen Deutung von Schnecken in Träumen findet sich, dass diese zur Langsamkeit mahnen. Sie sind aber auch ein Symbol für Dauerhaftigkeit und Charakterstärke. Der Träumende könnte sich aber auch in seiner momentanen Situation nicht wohlfühlen. Am besten kann ich mich jedoch noch mit der spirituellen Auslegung identifizieren, dass man sich nicht von der Schnelllebigkeit der Zeit vereinnahmen lassen soll.
Noch während ich für mich hinüberlege und meinen Tee auf der Terrasse genieße, kriecht in gemächlichen Tempo eine braune Nacktschnecke an mir vorüber, das Salatbeet direkt ansteuernd. Schnecken mögen uns zur Langsamkeit mahnen und zum Überlegen von übereilten Aktionen. Aber in diesem Fall springe ich auf und eile zum Salatbeet, denn es gilt, wer zuerst kommt, ergattert die besten Stücke: Der Salat gehört definitiv mir!
© Karin Sieder 2019-11-16