Trennungen

Sylvia Walter

von Sylvia Walter

Story

Ich habe eine Wohnung zu räumen – die Wohnung meiner Kindheit. Lange Zeit geht gar nichts, an jedem Gegenstand hängt ein kleines Mosaiksteinchen meines Lebens. Die Vernunft sagt: „Es muss sein, du kannst nicht alles behalten”. Ich hole eine Freundin zu Hilfe, sie hilft mir beim Loslassen.

Jetzt geht es darum, jemanden zu finden, der die Sachen, von denen ich mich trennen muss, die aber noch schön und funktionstĂĽchtig sind, brauchen kann. Ich inseriere auf „willhaben“, auf „shpock“ und auf diversen Flohmarktseiten. Zuerst, um die Dinge zu verkaufen, später, um sie zu verschenken. Niemand interessiert sich dafĂĽr. Also wende ich mich an gemeinnĂĽtzige Organisationen, die Räumungen anbieten. Ich frage nach, ob brauchbare Dinge irgendwie weiterverwendet werden. Nein, es wird alles unsortiert entsorgt – es „lohnt sich nicht“, auĂźerdem habe man keinen Lagerraum. Nicht einmal die Organisation, die selbst Secondhand-Läden betreibt, ist bereit, noch brauchbares vom MĂĽll zu trennen und zu den (eigenen) Abgabe-Stellen zu bringen. Ich sehe mich auĂźerstande, die – teils sperrigen, teils schweren – Sachen selbst hinzubringen. Es widerstrebt mir auch, denn als ich die Kleidung meines verstorbenen Vaters, gut erhaltene StĂĽcke, Sakkos, Hosen, AnzĂĽge etc., sorgfältig zusammengelegt und in einen Koffer verpackt, hin brachte, hatte man mir den Koffer aus der Hand genommen, war zu einer SchĂĽtte gegangen und hatte den Inhalt – ohne ihn anzusehen – mit Schwung auf den bereits in der SchĂĽtte liegenden Berg an Kleidung geleert.

Trotzdem mache ich schweren Herzens einen Räumungstermin aus – es hilft ja nichts, ich muss die Wohnung endlich leer bekommen. Mir bricht fast das Herz: Die gläserne Teekanne, die KĂĽchenuhr mit integriertem Kurzzeitmesser, das neuwertige BĂĽgelbrett und – vor allem (!) – die Garderobe: original 60-er-Jahre, gut erhalten, echt „Vintage”, alles wird beim Altstoffsammelzentrum landen und dort “fachgerecht nach Material getrennt und der Wiederverwertung zugefĂĽhrt oder entsorgt“ werden.

Ich erzähle meiner Tochter davon, sie erzählt es einer Bekannten – und diese kennt jemanden, der nachhaltig entsorgt! Sie stellt den Kontakt her. Der freundliche Mann sieht sich die Gegenstände an, erklärt, die meisten – teilweise nach Renovierung – wiederverkaufen oder an Sammler weitergeben zu können (er betreibt einen eigenen kleinen “Reuse”-Laden) und nur den tatsächlichen MĂĽll zum Altstoffsammelzentrum zu bringen. Das ist genau das, was ich wollte! Und zu guter Letzt räumt er die Wohnung auch noch zu einem gĂĽnstigeren Preis als alle anderen – 5 Tage vor dem ursprĂĽnglich mit der gemeinnĂĽtzigen Organisation vereinbarten Termin!

Es fĂĽhlt sich gut an, ich kann mich beruhigt von all den ErinnerungsstĂĽcken trennen, jetzt, da ich weiĂź, dass sie wertschätzend getrennt – nicht zertrennt- werden!

© Sylvia Walter 2021-05-25