von Eva Filice
Ein Naturschauspiel folgt dem anderen. Die Werbung für die „schönste Seereise der Welt“ mit den Schiffen der norwegischen Hurtigruten, der einstigen Postschiffe, ist nicht übertrieben. Ein besonderes Highlight war die Fahrt in den Trollfjord. Spannung wird bereits am Vortag bei der abendlichen Programmvorschau aufgebaut. Nur wenn das Wetter passt, wird in den Fjord eingefahren, wird im Vorfeld angekündigt. Die Fahrt ist auch von der Jahreszeit abhängig, denn im Winter steht der Trollfjord nicht am Programm, das wäre aufgrund von stürzenden Eisbrocken zu gefährlich. Anfang August stehen die Zeichen gut.
Als wir Svolvær, den Hauptort der Lofoten, verließen,erlebten wir an Deck eine wunderbare Stimmung. Die Farben des eigenartig hellen Himmels und der dunklen Berge ergaben einen wunderschönen Kontrast. Wir waren natürlich draußen an Deck und gut angezogen, denn es war spürbar, dass die mitternächtliche Sonne nicht mehr wärmt.
Wir überlegten, wo denn der Trollfjord sein könnte, denn nach vorne blickend deuteten wir verschiedene Möglichkeiten. Unvermutet bog unser Schiff mit Namen „Trollfjord“ dann in einen Fjord ein, dessen Seitenarm der so sehr erwartete Trollfjord war. Berge türmen sich rechts und links auf, als wir nach 23:30 in den Fjord einfuhren, dessen Ende bereits erkennbar war: eine Wand mit hohen Bergen. Der Trollfjord, ein Seitenarm des Raftsundes, ist nur 2000 m lang, die schmalste Stelle sogar nur 100 m breit. Die Berge links und rechts steigen senkrecht bis 1000 m in die Höhe. Die Blicke nach oben beeindrucken und der geringe seitliche Abstand zwischen Schiff und Felsen flößen Respekt vor dem Können der Mannschaft ein.
Dieses atemberaubende Naturspektakel ließ uns staunen, und die Faszination war auch an Deck spürbar. Ringsherum staunten auch die anderen Passagiere und genossen schweigend diese Fahrt in den Fjord. Die Felswände zum Greifen nah, aber nicht gefährlich wirkend. Ich vertraute der Mannschaft, die sicher geübt und verantwortungsvoll zum wiederholten Mal mit diesem Manöver die Reisenden beeindruckte.
Das dunkelgrüne Wasser des Fjords und die Nähe zur Mitternacht ließ eine mystische Stimmung aufkommen. Ein herabstürzender Wasserfall ergänzte das tolle Szenario, das durch ein Kunststück des Kapitäns noch gesteigert wurde. Am Ende des Fjordes, wo sich dessen Enge ein wenig öffnete, drehte sich das Schiff langsam und gemächlich. Schon vermuteten wir die Rückfahrt, als der Kapitän eine weitere Drehung durchführte. Die Stille dieses Momentes bleibt mir in steter Erinnerung. Die innere Ergriffenheit erfasste alle Mitreisenden und ließ die Schwingungen des Moments spüren. Unbeschreiblich!
Wir blieben noch eine Weile draußen, um die ungewöhnliche Landschaft im Abendlicht zu bewundern. Es war noch nicht finster, als wir allein an Deck zurückblieben und uns stumm an den Händen hielten, um die Energie dieser geheimnisvollen Landschaft aufzunehmen und zu verinnerlichen.
© Eva Filice 2021-03-10