Türkischer Apfel

Joris Alexander Buhre

von Joris Alexander Buhre

Story

Al und Lola verlassen Eugenes Zimmer etwas nachdenklicher, als sie es betreten haben. Zusammen mit Zack gehen sie weiter durch das Krankenhaus. Schweigen. Die drei nähern sich nach ihrem Rundgang wieder der Notaufnahme. „Ach du Scheiße!“, sagt Lola plötzlich und zeigt auf den Boden vor ihnen. Einzelne Blutspuren glänzen im Licht der Deckenbeleuchtung. Im Schockraum werden hektisch Anweisungen gerufen. Auch diese Geräuschkulisse schafft es nicht, die angenehme Atmosphäre im Krankenhaus zu zerstören. „Er ist weg!“, ruft eine weibliche Stimme. Eine Krankenschwester platzt aus der Tür. Sie würgt, dann kotzt sie röchelnd in den Flur und schafft es nur halbwegs rechtzeitig ihre Maske abzusetzen. Lola zuckt zurück und muss ebenfalls lautstark würgen. Al schaut missbilligend auf den vollgekotzten Boden vor seinen Füßen. Zack bricht in freudiges Gelächter aus.

Die Krankenschwester stützt sich würgend an die Wand. Eine andere Krankenschwester eilt herbei und hilft ihr in ein Badezimmer. Al, Zack und Lola schauen jeder mehr oder weniger erwartungsvoll auf die Tür des Schockraums. Lola hält sich noch die Hand vor den Mund, um ihr würgen zu unterdrücken. Die Tür geht auf und ein Schwarzkopf, Anfang 20, kommt hinter ihr zum Vorschein. Er hat diese Art von Gesicht, auf die man einfach nie Sauer sein kann und sein Lächeln ist liebenswerter als dein Lieblingshaustier. „Was geht ab? Ich bin Jiro.“ sagt der Südländer und nickt freundlich zur Begrüßung. Bevor die Tür wieder zufällt, erhascht Al einen Blick auf Jiros blutgetränkten Körper. Er sieht aus, als hätte er sich mit einer Kreissäge den Intimbereich rasiert. Al zieht eine Augenbraue hoch und schaut zu Jiro, der ihm zur Begrüßung die leicht zittrige Faust hinhält. „Was ist dir passiert?“, fragt Lola fassungslos. „Mit mir? Ach nix weiter. Ich hab einen Fehler gemacht und musste dafür geradestehen wie ein Mann. Alles cool.“ winkt Jiro lächelnd ab und versucht, seine wahren Gefühle zu überspielen. „Scheint ein großer Fehler gewesen zu sein“, murmelt Al und zündet sich eine Zigarette an. „Ach was, ich war nur unterwegs, hin zu ner Chaya. Umay. Sie war nicht eine wie keine, eher eine wie die letzte und auch die nächste.“ Seine Lippen zittern, während er versucht, die Fassade aufrecht zu halten: „Wir sind beide heiß, jung und ich will Spaß im Leben haben, ein bisschen dribbeln. Und ihr Vater und ihre Brüder wollten halt mir zeigen, dass sie keine Bitch für mich großgezogen haben. Ohne Missverständnisse.“ Jiros Augen füllen sich mit Tränen, während er immer noch zu lächeln versucht: „Ich hab verstanden. Ist vermutlich was Politisches. Hab vergessen, dass manche Völker nicht Sex haben sollen. Ist meine Schuld, passiert den besten.“ Tränen laufen über seine rötlichen Wangen. Wie in Rage fasst er sich demonstrativ in den Schritt und schreit: „Wer muss heute eh noch ein Mann sein?“. Die Maske fällt.

Zack, Lola und Al reagieren alle auf ihre eigene Weise.

© Joris Alexander Buhre 2022-08-18