Über den Tod hinaus

Gabriele Leeb

von Gabriele Leeb

Story

Heute bin ich nicht mehr aufgewacht. Die Zeiger meiner Uhr stehen still. Ich blicke auf mich und sehe mich bleich und blass im Bett liegen. Ich werde einfach nicht mehr munter. Anscheinend habe ich mich in der Nacht davongemacht. Schmerzlos, sanft entschlummert.

Ich fühle mich leicht und friedlich. Es ging ganz schnell, ich habe fast nichts bemerkt. Nun harre ich der Dinge, die da kommen. Das Sterben war kurz und der Tod gnädig. Mein Leben ist vollbracht. Was passiert mit mir, ich weiß es nicht? Der Tod ist eine einmalige Angelegenheit.

Ich schwebe in meinem Zimmer und durchdringe ohne Anstrengung die Mauern. Doch ein Gefühl sagt mir, dass ich noch bleiben muss, solange mein Körper im Bette liegt. Wie die Zeit vertreiben? Für die Hinterbliebenen tut es mir leid, aber ich habe es geschafft. Mir ist warm und wohlig. War ja gar nicht schlimm. Der Tod war nie mein Feind. Vor dem Sterben hatte ich mich mehr gefürchtet.

Die Bestattung kommt und legt mich in den Blechsarg. Vorher hat der Arzt noch meinen Tod bestätigt. Todesursache: Herzstillstand. Todeszeitpunkt um vier Uhr. Jetzt bin ich frei. Ich fliege gegen den Himmel und jauchze vor Glück. Ich spüre deine Anwesenheit. Du bist schon vor Jahren vor mir vorausgegangen und jetzt holst du mich ab. Liebe bis nach dem Tod und darüber hinaus. Ich fühle beinahe körperlich dein Lächeln und erst jetzt weiß ich, was Liebe wirklich ist. Reine Glückseligkeit.

Zusammen schweben wir durch Zeit und Raum ohne Grenzen und Hindernisse. Wir wohnen meinem schlichten Begräbnis bei, so wie ich es mir immer gewünscht habe und gemeinsam bereisen wir all die Orte in Österreich und in Frankreich, die wir uns in unserem irdischen Leben so gerne angeschaut hätten. Späte Traumerfüllung, doch nicht minder wundervoll. Wir sind wieder vereint.

© Gabriele Leeb 2022-11-02