Die neue Lebenssituation greift um. Aber ganz kann ich mich nicht darauf einlassen. Meine biologische Uhr weckt mich weiterhin gegen sechs Uhr früh. Aber es gibt Fixpunkte, neue Prioritäten: das Lesen eines Buches, tägliche Kräftigung am Balkon, kreatives Kochen mit langgelagerten Lebensmitteln und abends in trauter Zweisamkeit vor dem Fernseher den Tag ausklingen lassen. Schule kein Thema gerade. Am intensivsten und zugleich am unkoordiniertesten ist jedoch das Nachdenken über die neue Ära, die unerwartet über uns hereinbrach.
Am Balkon schweifen meine Gedanken fort. Ich sitze und beobachte die Raben, die den Parkplatz des Wohngebäudes eingenommen haben. Zugleich geht für meine Freundin das Leben in recht gewohnten Bahnen weiter. Der Universitätsbetrieb ist jetzt Online-Lehre, sie stellt sich auf Mehraufwand ein. Darüber thront ihre Diplomarbeit. Die Zeiteinteilung ist auch für sie ein wichtiges Thema, da das Tachinieren oft die angenehmste Alternative darstellt. Aber mit Willenskraft wird diese Triebfeder besiegt, es geht ordentlich was weiter bei ihr.
Nachdem am späten Vormittag die ersten Sonnenstrahlen die Häuser-Barrieren überwunden haben und ihren Weg zu mir finden, läutet mein Handy. Nach einer guten halben Stunde kenne ich die Probleme, die flexible Arbeitszeiten im Sozialbereich mit sich bringen und welche wirtschaftlichen Probleme diese aufwerfen. Mein langjähriger Mitbewohner bewältigt seinen Alltag ganz im Sinne einer jungen Liebe, welche mit Hund seine vier Wände bereichert. Provisorische Barrieren im kleinen Garten, die Hundedame hält sie auf Trab, meint er.
Chirurgische Eingriffe bei Fitzek, meine Lektüre nimmt zur Mittagsstunde Fahrt auf. Mir kommt ein Freund in den Sinn, der als Arzt wohl alle Hände voll zu tun hat. Hat er wohl Zeit, soll ich ihn anrufen? Allgemein ist in meinem Freundeskreis Zeitausgleich, Heimarbeit und leichte Existenzangst nah beieinander, besteht doch die illustre Gruppe unter anderem aus Langzeitstudenten, Bankberatern und Busunternehmern. Wie es denen wohl geht? Bei nächsten Skype-Bier-Date mit Splitscreen bin ich dabei, gelobe ich mir, während mir die Uhr verrät, dass es Zeit für das Mittagessen wird.
Nachmittags folgt ein Gespräch mit meiner Mutter, schwierige Zeiten. Nicht wegen dem Virus, viel eher wegen den Anforderungen der Schule für unseren Jüngsten. Er mag einfach nicht, es ist aber auch zu viel. Langes Geplänkel, Rechtliches und Humanitäres wird angesprochen, der Oma geht’s gut. „Morgen melde ich mich eh wieder und pass gut auf den Papa auf.“
Später höre ich ein Gespräch zwischen zwei Taxlern, die früher als sonst im Innenhof ihre Wägen parken. „Bei euch auch nix los?“ „Na, goa nix.“ Schlurfend gehen sie ihre Wege. Die letzte Wärme versinkt und mein Tag endet mit dem ersten Aufblitzen der Sterne. Meine Gedanken bleiben.
Eine Änderung ist spürbar, der Umgang verschieden. Was uns eint, ist die Vernunft, die gefragt ist.
© Thomas Schützenhöfer 2020-03-20